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Pegida in Dresden:Herz und Hetze

Zehntausende demonstrieren am Montag für und gegen Pegida. Die Stimmung ist emotionsgeladen. Nach den Kundgebungen gibt es Jagdszenen in der Innenstadt.

Von Cornelius Pollmer, Dresden

Als Innenminister ist man nicht einmal in Sachsen für Inneneinrichtung zuständig, aber Markus Ulbig will am Montag trotzdem zeigen, was sie hier, in der Polizeidirektion, so alles zusammengeschraubt und verlegt haben. Ulbig steht am frühen Abend also inmitten des Lagezentrums der Einsatzkräfte, er macht sich ein Panoramabild der vielen Technik, dann nickt er zufrieden. "So", sagt er, und das meint nun so viel wie: Kann ja eigentlich nichts schiefgehen.

In diesem Lagezentrum wurde eine riesige Videowand hochgezogen, Kameras funken ihre Bilder vom Theater- und vom Schlossplatz, auch vom Zwinger. 20 Beamte sitzen davor an Rechnern, einer scheint sich ausschließlich um den digitalen Puls bei Twitter zu kümmern: Wer geht wohin, wo rumpelt es gerade? Man hört nur ein Klackern und Surren, der Teppich ist neu. So sieht er aus, der War Room einer deutschen Behörde und, tja, was soll denn jetzt noch schiefgehen?

Seit einem Jahr nun ist die Stadt Dresden eine Art Dauer-Lagezentrum, für viele auch ein Plagezentrum. Seit Oktober des vergangenen Jahres streift Pegida durch die Straßen, immer montags, dieses Mal zum Einjährigen. Der Pegida-Geburtstag in Dresden bedeutet, dass alle noch viel größer auffahren. Pegida hält für seine Feier den Theaterplatz besetzt, neben der Bühne hängt eine stattliche Videowand, die es mit der der Polizei aufnehmen könnte. Vor dieser Wand sieht man heute keinen Galgen, aber langweilig muss keinem werden beim Warten auf die Ansprachen. Es ist ein Schilderwald aus Albträumen, der hier zu sehen ist, nicht einmal gipfelnd in der Forderung, die Frauenkirche dürfe nicht zur Moschee umgemodelt werden. 15 000 bis 20 000 Menschen sind für Pegida da.

Geburtstagsfilm zum Einjährigen

Neben dem geschriebenen gilt natürlich auch das gesprochene Wort, es kommt diesmal von Gastrednern etwa aus Tschechien und von der rechtspopulistischen Lega Nord aus Italien. Der populistische Autor Akif Pirinçci spricht von einer "Umvolkung", was man auch schon mal als Werbung für ein Buch verstehen darf, an dem Pirinçci arbeitet. Zwischen all diesen Reden lässt Pegida einen Geburtstagsfilm zum Einjährigen einspielen, eine Geburtstagsdiashow wird gezeigt, und am Ende singt der ganze, große Montagschor die Nationalhymne.

Pegida ist wieder größer und damit wirkmächtiger an diesem Montag, aber die Bewegung muss an diesem Montag auch viele Ungebetene mehr bei ihrer Feier dulden als sonst üblich. In einem Sternmarsch hat sich, das erste Mal seit April, nennens- und hörenswerter Gegenprotest zur Stadtmitte bewegt, 15 000 bis 19 000 Menschen etwa unter dem Motto "Herz statt Hetze". Am Schlossplatz scheppert aus dem Mikrofon die etwas zornige Bitte, dies demnächst öfter zu tun: "Geht auf die Straßen und holt sie euch zurück!"

Der Schlossplatz ist es, wo dann doch einiges schiefgeht. Die Polizei beschreibt die Lage als "emotionsgeladen", aber die Ladung enthält auch reichlich Schwarzpulver: Böller fliegen, erst vereinzelt, dann kurz fast im Sekundentakt. Dem Urteil des Auges zufolge kommen sie von der Pegida-Seite, aber wer an diesem Abend nicht im Lagezentrum sitzt, kann kaum ernsthaft behaupten, all die Winkel , Würfe und Wendungen der vielen Tausend Demo-Lemminge ununterbrochen im Blick zu haben.

"Wir sind kein Bühnenbild für Fremdenhass"

Es ist ein im Grunde wahnsinniges Durcheinander, das die Stadt am Montag erlebt, sortiert und geordnet von allerdings 1000 Einsatzkräften. Trotzdem gibt es immer wieder Hatz, gleich mehrmals am Kanzleigäßchen, das beide Demo-Seiten im barockversteinerten Dresdner Zentrum als zwar verbotene, aber eben notwendige Zuflucht entdeckt haben, um wegzuschaffen, was eben wegzuschaffen ist. Und, das leuchtet ein: Wer pinkelt, den kann man gut schubsen. Es gibt auch härtere Konfrontationen, in den Stunden nach den Demonstrationen kommt es zu Jagdszenen in der Innenstadt. Beide Seiten treten zum Teil sehr aggressiv auf.

Was bleibt? Das Staatsschauspiel plakatiert groß an seiner Fassade: "Für ein weltoffenes Dresden." Die Semperoper leuchtet dem Leuchten von Pegida entgegen, mit einer eigenen Videowand: "Wir sind kein Bühnenbild für Fremdenhass." Botschaften am Bau, die auch nächste Woche Bestand haben könnten. Was dann wieder fehlen wird in Dresden, dürfte ein menschenreicher Gegenprotest sein. Und auf der anderen Seite wird sich die Frage stellen, wie viel Schwung und Leute Pegida von diesem Montag in den nächsten retten kann. Mancher wird die Frage bang stellen.

Wie sagt Lutz Bachmann in seiner Rede: "Wir sind gekommen, um zu bleiben, wir bleiben um zu siegen. Und wir werden siegen." Dann spielt er das erste Video ein. "Once upon a time", pustet eine tiefe Blockbuster-Stimme über den Theaterplatz. Es läuft Musik wie im Wild Western, dann kommen die Klassiker der Pegida-Gegner: Merkels Neujahrsansprache, Cem Özdemirs Wort von der "Mischpoke", Gabriels "Pack". Die Pegidisten buhen, und buhen und buhen. In diesem Buhen darf man lesen: So lange ihr da seid, sind wir es auch.

© SZ vom 20.10.2015/dayk
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