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Pegida-Debatte in Dresden:Reden statt schreien

Pegida Demonstrations Continue

Eine Pegida-Demonstration in Dresden: Protestiert wurde dort zuletzt viel, geredet zu wenig. Ein Diskussionsabend sollte das ändern.

(Foto: Sean Gallup/Getty)
  • In Dresden setzen sich Gegner und Sympathisanten von Pegida an einen Tisch. Mittelsmann ist Frank Richter, Direktor der Landeszentrale für Politische Bildung.
  • Der übliche Pegida-Protest bekommt die Gelegenheit, sich über ein in der Masse gegröltes "Lügenpresse!" hinaus zu artikulieren.
  • Es wird deutlich, dass bei der Zuwanderung in Deutschland vor allem eines fehlt: hinreichende Kommunikation durch den Staat.

Von Cornelius Pollmer, Dresden

Die Bürger der Stadt Dresden leiden seit ein paar Wochen an einem kollektiven und zugleich doppelten Lagerkoller. Koller Nummer eins folgt aus der Heimsuchung, sich ständig und überall zu Pegida irgendwie verhalten zu müssen. Koller Nummer zwei liegt im großen Gegeneinander der beiden Lager, das entstanden ist und welches sich auf eine 1-0-Frage reduzieren lässt: Bist du für Pegida? Bist du dagegen? Was bislang hingegen fehlte, war ein moderater Austausch zwischen den Dafür- und den Dagegen-Leuten.

Mit einem Diskussionsabend am Dienstag will der gelernte Pfarrer Frank Richter beweisen, "dass man zuhören kann, dass man sich auf den Weg machen kann, zu verstehen". Der Direktor der Landeszentrale für Politische Bildung hat dafür Sympathisanten von Pegida genauso eingeladen wie deren Gegner und er hat sie gebeten, an einem Tisch in wechselnder und zufälliger Besetzung zusammenzufinden und miteinander zu reden. Frage: Kann das funktionieren? Antwort: Ja, schon, ein beachtliches bisschen zumindest.

Dresden dürfte ein langer Weg bevorstehen

Für ein wirkliches Gespräch ist es, so seltsam das klingen mag, wohl noch zu früh. Die Bürger nutzen den Abend vorwiegend dafür, sich zu erklären und weniger dafür, auf das Gesagte anderer zu reagieren. Und selbst diesem Anfang wohnt ein Zaudern inne, einige wollen ihre Position nur über einen Mittelsmann der Landeszentrale vermittelt wissen, sie begründen dies auch mit ihrem gewaltigen Misstrauen in ebenfalls anwesende Journalisten. So viel zu den Abstrichen.

Zum Gewinn: Der Politikwissenschaftler eröffnet die Diskussion mit einer Fehleranalyse. Berichterstattern wirft er vor, zunächst vor allem die Tölpel unter den Demonstranten herausgegriffen und vorgeführt zu haben, den Demonstranten wiederum, die nun zunehmend differenzierte Berichterstattung gar nicht mehr wahrnehmen, geschweige denn anerkennen zu wollen.

Es sei, drittens, vielen Politikern anzukreiden, das Phänomen Pegida überwiegend mit staubigen Sätzen aus dem Holzbaukasten zu adressieren - mit solchen kann man sich durch das Grußwort bei der Eröffnung einer Umgehungsstraße hangeln, für den massiv gewachsenen Protest in Dresden sind sie ungenügend.

Dieser Protest, und das ist der wesentliche Gewinn, bekommt an diesem Abend die Gelegenheit, sich über ein in der Masse gegröltes "Lügenpresse!" hinaus zu artikulieren. Ein Mann aus Perba, Landkreis Meißen, nutzt diese Möglichkeit. In seinem Ort leben 170 Einwohner und es gebe dort "keine andere Infrastruktur als eine Bushaltestelle". Nach Plänen des Landratsamtes soll Perba bald 50 Flüchtlinge aufnehmen, junge Männer aus Tunesien.

Fehlende Kommunikation durch den Staat

Der Mann führt aus, auf welchen Wegen sich Perba um Aufklärung und Diskussion bemüht hat, vom Land bis zur Kommune hätten alle Stellen mit Floskeln oder gar nicht geantwortet. Das letzte, was ihm schließlich eingefallen sei, war, sich den Demonstrationen von Pegida anzuschließen. Diese Konsequenz muss man gar nicht plausibel finden, um dennoch einzusehen, woran es bei der Zuwanderung in Deutschland auch fehlt: an hinreichender Kommunikation durch den Staat.

Da kommt Gottfried Krause gerade recht, Bürgermeister der Gemeinde Neukirch, Lausitz. Auch seinen Ort stelle die Zuwanderung vor große Aufgaben, aber am Ende sei alles "gar nicht so schwer", wenn Anwohner konsequent informiert und alles Gegeneinander konstruktiv gestaltet werde. Leichter Applaus. So hört es sich wohl an, wenn Menschen sich auf den Weg machen, einander zu verstehen. Wahrscheinlich ist aber auch, dass der Weg in Dresden viel länger ist, als man sich das wünschen kann.

© SZ vom 08.01.2015/fued
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