Pazifik-Raum Der Streit um Felsenriffs im Südchinesischen Meer ist kein regionales Geplänkel

Chinesische Landgewinnungsmaßnahmen bei den Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer

(Foto: REUTERS)

Er bedroht den Frieden in der Region. Denn dahinter steht das Duell China gegen USA, das sich immer weiter zu militarisieren droht.

Kommentar von Arne Perras

Als Chronist des Krieges hat der Historiker Thukydides der Welt schon vor 2400 Jahren wertvolle und haltbare Einsichten hinterlassen. Er studierte den Peloponnesischen Krieg und kam zu dem Schluss, dass der Kampf Athens gegen Sparta einem Muster folgte. Da forderte ein ehrgeiziger Aufsteiger eine etablierte Macht heraus. Diese Rivalität eskalierte. Weshalb die Analysten von heute immer noch gern den alten Griechen zitieren, wenn sie einen bedrohlichen Dualismus in einem Teil der Welt entdecken.

Kommt es in solchen Fällen zur Schlacht, ist die sogenannte Thukydides-Falle zugeschnappt. Wie aber lässt sie sich umgehen? Diese Frage bekommt neue Brisanz, nicht in der Ägäis, sondern mehr als 10 000 Kilometer weiter östlich. Der pazifische Raum ist in den vergangenen Jahrzehnten von großen Kriegen verschont geblieben. Vietnam ist lange her. Aber jetzt müssen sich viele auch sehr anstrengen, damit das so bleibt.

Hinter dem Geplänkel blitzt das Duell China gegen USA auf

Nirgendwo werden die Risiken für den pazifischen Frieden deutlicher als im Gerangel um territoriale Ansprüche im Südchinesischen Meer. Vordergründig zanken dort mehrere kleinere Staaten Südostasiens mit dem benachbarten Riesen China um Riffe und Inseln. Man könnte es als regionales Geplänkel einstufen, blitzte hinter den Zerwürfnissen nicht das Duell der beiden großen Mächte auf: der Aufsteiger China steht gegen die Vereinigten Staaten, die noch immer als alleinige Supermacht gelten. Beide belauern sich. Woche um Woche fahren sie größere Geschütze auf.

Jeder tut das auf seine Weise. Die USA zeigen, gerne bei Manövern, was sie haben, vor allem Hightech-Hardware auf See, ihre schlagkräftige Flotte. Washington signalisiert damit Verbündeten, dass es zu ihnen steht, zum Beispiel zu den Philippinen, die sich bedroht fühlen vom Vorstoß Pekings auf See. Viele Nachbarn beklagen einen rabiaten chinesischen Alleingang zulasten der Schwächeren. Amerika übt sich also als Schutzmacht für den pazifischen Status quo, so wie er im Zweiten Weltkrieg erkämpft wurde. Nur dass dieser Status quo nun bröckelt.

China signalisiert allen, was es gerne möchte. Peking erhebt Anspruch auf etwa 80 Prozent des Meeresgebiets südlich seiner Küsten, es pocht auf Souveränität, die auch auf dem Meer unantastbar sei, und sucht seine Ansprüche historisch zu legitimieren. Sicher ist dabei nur, dass die territorialen Streitigkeiten weder schnell noch einfach zu lösen sind. Peking aber hat es eilig und will den Streit keinesfalls juristisch internationalisieren. Es schafft Fakten, indem es Riffe zu Inseln aufschüttet und Landebahnen befestigt.

China deutet die US-Marine als Provokation

Kürzlich landete erstmals in aller Öffentlichkeit ein chinesisches Militärflugzeug auf den Spratly-Inseln. Das war angeblich nötig, um kranke Arbeiter auszufliegen. Doch die chinesische Presse spekulierte, ob jetzt nicht bald Kampfjets folgten. Diese wären der nächste Schritt in einer Spirale der Militarisierung, die kaum dazu dient, die Temperaturen abzukühlen.

Bislang spricht wenig dafür, dass Washington mit Demonstrationen militärischer Macht Peking bremsen kann. China deutet die US-Marine als Provokation, gegen die man sich stärker wappnen müsse. Und das Land wehrt sich vehement gegen alles, was es als mögliches Hemmnis seiner Entwicklung einstuft.

China versichert zwar, es wolle den friedlichen Aufstieg fortsetzen. Das kann auch gelingen. Allerdings erfordert dies zwingend, dass Peking seinen aufkeimenden Nationalismus unter Kontrolle behält und nicht irgendwann nach außen wendet. Ähnlich virulent wie in China ist der Nationalismus auch in Indien und Japan. Alle Führer der Region reiten diesen wilden Tiger und müssen ihn im Zaum behalten, wollen sie den Frieden nicht zerschlagen.

Die Wirtschaft schlägt eine Brücke - aber hält sie auch?

Ironischerweise hat gerade die von den Amerikanern garantierte Nachkriegsordnung, die nun bröckelt, den Aufstieg Chinas erst ermöglicht. Der freie Seeweg durch das Südchinesische Meer ist dafür der symbolträchtigste Beweis. Hier verläuft der Superhighway der Meere, mit einem Handelsvolumen von fünf Billionen Dollar im Jahr. Und die US-Flotte sicherte den Austausch ab. Für China wie auch die USA war dieses System äußerst nützlich, was sich darin manifestiert, dass beide Volkswirtschaften eng miteinander vernetzt und aufeinander angewiesen sind.

Das ist schon für sich genommen ein erhebliches Hemmnis für einen Krieg. Die Wirtschaft schlägt eine Brücke und kann die Mächte vor der Thukydides-Falle bewahren. Verwandelte sich die Handelsstraße auch nur kurzfristig in eine Kampfzone, wäre die Schlagader der Weltwirtschaft abgeklemmt. Mit vernichtenden Folgen für alle. Eine Garantie für den Sieg der Vernunft ist das aber noch nicht.

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