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Paternoster:Ab und auf

Die Absicht, die Deutschen vor Paternostern zu schützen, ist gescheitert. Ist die innere Sicherheit nun gefährdet?

Von Michael Bauchmüller

Leben ist ganz schön riskant. Man kann mit dem Fahrrad in Straßenbahnschienen geraten oder mit der glimmender Zigarette im Bett einschlafen. Man kann beim Überqueren einer englischen Straße nach links gucken oder beim Gewitter unter dem falschen Baum stehen. Oder aber, man fährt mit dem Paternoster.

Fast wäre es Beamten des Arbeitsministeriums gelungen, das Volk vor dessen unkalkulierbaren Gefahren zu beschützen. Schließlich kennt der Paternoster keine Knöpfchen und keine Türen, stoisch fährt er auf und ab. So mancher hat sich schon beim Sprung in die davonfahrende Kabine verschätzt. Andere merkten zu spät, wie klein so eine Kabine eigentlich ist; da stand der Kinderwagen aber schon drin. Derlei Missgeschicke sollten nie wieder passieren, befanden die Beamten. Nur Menschen mit speziellem Befähigungsnachweis sollten Paternoster betreten dürfen - eine putzige Vorstellung in einem Land, das die freie Fahrt für freie Bürger quasi zum Grundrecht erhoben hat. Um den Paternoster aber, diesen Inbegriff der Entschleunigung, wäre es geschehen.

Am Freitag ist es dem Bundesrat gelungen, das Volk vor derlei behördlicher Fürsorge zu schützen; er besiegelte die Aufhebung des Paternoster-Verbots. Ein 130 Jahre alter Nervenkitzel ist nun wieder erlaubt: die Fahrt ins Ungewisse jenseits des letzten Stockwerks. Erste Paternoster-Partys sind schon geplant - auf eigene Gefahr, versteht sich.

© SZ vom 11.07.2015
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