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Pater Nikodemus Schnabel:"In Jerusalem werden viele depressiv, aggressiv oder zynisch"

Pater Nikodemus Schnabel

Pater Nikodemus Schnabel: Jerusalem ist ein "corpus separatum", eine internationale Stadt, die der gesamten Menschheit gehört

(Foto: picture alliance / Corinna Kern/)

Pater Nikodemus Schnabel träumt trotzdem von einer offenen, friedlichen Stadt. Ein Gespräch über die Anerkennung als Israels Hauptstadt, Gewalt als falschen Maßstab und begeisterten Juden in der Benediktiner-Messe.

Interview von Lars Langenau

Pater Nikodemus Schnabel, 38, ist Benediktinermönch und Prior-Admonistrator der Jerusalemer Dormitio-Abtei und lebt seit fast 15 Jahren in der Heiligen Stadt. Er ist unter anderem Seelsorger für die deutschsprachigen Katholiken in Israel und Palästina.

SZ: Pater Nikodemus, wem gehört Jerusalem?

Nikodemus Schnabel: Diese Stadt ist zu wichtig für einen kleinkarierten Streit um diese Frage. Jerusalem hat eine lange, hochkomplizierte Geschichte, wegen der sie gleich drei Weltreligionen heilig ist. Die Verhältnisse dort sind wie ein ganz feines, sensibles Spinnengewebe, das mit sehr viel historischem und religiösem Fingerspitzengefühl betrachtet werden muss.

Es gibt in der Altstadt jemenitische, aschkenasische, sephardische Synagogen, es existieren Moscheen von Sufis, Schiiten und Sunniten, hier leben Tscherkessen und Drusen. Wir haben hier 50 verschiedene christliche Konfessionen, davon 13 alteingesessene mit je einer eigenen Kathedrale. Der Heilige Stuhl hält klar daran fest, was 1947 im UN-Teilungsplan beschlossen wurde: Jerusalem ist ein "corpus separatum", eine internationale Stadt, die der gesamten Menschheit gehört. Ich halte diese Vision nach wie vor für am ehrlichsten und gerechtesten.

US-Präsident Trump hat Jerusalem in dieser Woche als Hauptstadt Israels anerkannt. Laut Außenminister Tillerson soll die Botschaft wohl nicht vor 2019 umziehen.

Ich persönlich sehe diesen Schritt, wie ja auch die internationale Staatengemeinschaft, mit großer Skepsis. Der israelische Staat hat 1980 per Gesetz Jerusalem zur alleinigen, ewigen und ungeteilten Hauptstadt erklärt. Bisher wurde das aber von keinem anderen Staat anerkannt. Vorher gab es hier 16 Botschaften, danach zogen alle nach Tel Aviv. Heute gibt es in Jerusalem nur noch einige Generalkonsulate, die für Jerusalem und für Palästina zuständig sind.

Trump-Anhänger argumentieren, er habe nur umgesetzt, was in der Realität ohnehin schon so ist.

Ich möchte zu Trump selbst keine Stellung nehmen. Die Jerusalemer Altstadt besteht aber eben nicht nur aus dem jüdischen Viertel, sondern es gibt eben auch das armenische, das christliche und das muslimische Viertel. Etwa 300 000 Einwohner von Jerusalem sind Palästinenser. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es auf ihrem Gebiet stark gesicherte jüdische Siedlungen gibt. Doch was hat Trump eigentlich gesagt? Er ist wachsweich und völlig offen geblieben. Manche beginnen ja nun Trumps Aussagen verschieden auszulegen. Hätte Trump ausdrücklich von West-Jerusalem gesprochen oder sich klar zum völkerrechtlichen Status-Quo bekannt, wären viele glücklich, die Palästinenser eingeschlossen. Aber es scheint sich ja auch um den annektierten Ostteil zu handeln, zumindest wird es hier vor Ort von vielen so interpretiert.

Wird Jerusalem jetzt eine neue Welle der Gewalt erleben?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Ausschreitungen geben wird - und seien sie nur medial provoziert. Es stehen seit ein paar Tagen am Damaskus-Tor mehrere TV-Übertragungswagen. In Jerusalem findet sich immer jemand, der vor laufenden Kameras eine US-Flagge verbrennt.

Was dient der Versöhnung? Was dem Frieden?

Glauben Sie, dass es eine dritte Intifada geben wird?

Grundsätzlich bin ich über die Frage nach der Gewalt zunehmend verärgert, weil es doch nicht sein kann, dass die Gewalt darüber entscheidet, ob Trump nun eine richtige oder falsche Entscheidung getroffen hat. Was ist denn das für ein Maßstab? Die Fragen müssen doch lauten: Was dient der Versöhnung? Was dem Recht? Was dem Frieden? Ich erlebe Palästinenser, die statt Krawall zu verüben eher in tiefe Resignation verfallen sind.

Was ist Ihre Hoffnung?

Ich habe mich dazu entschieden, hier ein Leben lang zu bleiben. Ich bin erst 38 Jahre alt und habe hoffentlich noch ein paar Jahrzehnte vor mir. Als Seelsorger bekomme ich drei klassische Geisteshaltungen mit: In Jerusalem werden viele aggressiv, depressiv oder zynisch. Alle drei halte ich nicht für sehr gesund. Man kann uns Mönche, die wir täglich für den Frieden beten, niedlich und naiv finden. Ich träume von Jerusalem als offener Stadt und unser Dormitio begreifen wir schon jetzt als offenes Kloster. Wir fragen nicht nach Nationalität oder Religion, sondern bleiben jenseits alle Schubladen: Wir sind weder pro Israel noch pro Palästina, sondern pro Mensch! Jeder Mensch ist bei uns von Herzen willkommen.

Gibt es Hoffnung auf friedliche Weihnachten im Heiligen Land?

Nur zwei Prozent der Einwohner Jerusalems sind Christen, die Weihnachten auch noch an drei verschiedenen Daten feiern: die West-Christen am 25. Dezember, die Ost-Christen am 7. Januar nach dem julianischen Kalender und die Armenier am 19. Januar - also am 6. Januar nach dem julianischen Kalender. Weihnachten interessiert hier sonst keinen Menschen, das sind ganz normale Arbeitstage. Auch Christkindl-Märkte gibt es hier nicht. Immerhin predige ich Heilig Abend vor lauter Juden, weil die das bei uns Benediktinern so schön festlich finden. Weihnachten bedeutet für uns Dormitio-Mönche vor allem aber in der Heiligen Nacht die Namen von Tausenden von Menschen im Gebet zu Fuß nach Betlehem zum Geburtsstern zu tragen.

© SZ.de/lala/mcs/liv
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