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Parteitag der US-Republikaner:Realitätsverweigerung in Aktion

Vizepräsident Pence verkauft Trumps Pandemie-Politik als Erfolgsgeschichte, die Schüsse auf Jacob Blake finden keine Erwähnung. Und Ex-Botschafter Grenell erzählt, wie der Präsident Merkel erfolgreich "umgarnt" habe. Verkehrte Welt.

Von Thorsten Denkler, New York

Die USA haben gerade andere Probleme als den Parteitag der Republikaner in dieser Woche. Die beiden Hurrikans etwa, Laura und Marco, die sich unaufhaltsam dem Süden der USA nähern. Was dazu führen könnte, dass zwei Monsterstürme fast gleichzeitig in den USA auf Land treffen. Laura hat inzwischen Stärke 4 erreicht und ist dabei, auf die höchste Stufe 5 anzuwachsen. Der Sturm wird von Wetterexperten als "nicht überlebbar" eingestuft - eine höchst ungewöhnliche und besorgniserregende Ansage. Er bedroht weite Teile von Texas und Louisiana.

Oder die Schüsse auf Jacob Blake, einen unbewaffneten schwarzen Mann, dem ein weißer Polizist in Kenosha im Bundesstaat Wisconsin sieben Mal in den Rücken geschossen hat. Am Mittwoch wurde ein 17-jähriger Teenager verhaftet, der in Kenosha womöglich zwei Demonstranten mit seinem Sturmgewehr erschossen hat, die gegen diesen neuen Akt von Polizeigewalt auf die Straße gegangen waren.

Michael Pence hätte diese Themen adressieren können. Er hätte Mitgefühl und Zuversicht verbreiten können in seiner Rede für diesen virtuellen Parteitag, mit der er seine erneute Nominierung für das Amt des Vizepräsidenten akzeptiert. Aber er lässt es. Wie praktisch jeder andere Redner vor ihm.

Dieser Parteitag ist auch am dritten Abend ein Zeugnis republikanischer Realitätsverweigerung. Probleme, so soll da suggeriert werden, gibt es nicht. Und wenn doch, dann hat Trump sie doch längst gelöst. So geht Pence auch mit der Corona-Pandemie um. Der Vizepräsident verkauft die Antwort der Trump-Regierung als reine Erfolgsgeschichte. Die knapp 180 000 Corona-Toten erwähnt er nicht. Die bald sechs Millionen Infizierten auch nicht. Die wirtschaftliche Krise der USA, kein Wort dazu. Dabei leitet er die Corona-Task-Force im Weißen Haus - die erste wichtige Aufgabe, die Trump ihm übertragen hat.

Worauf Pence auch eingeht, sind die Proteste gegen Polizeigewalt, die seit dem Mord an George Floyd Ende Mai das Land überrollen. "Die Gewalt muss stoppen", fordert er. Sowohl in Minneapolis, Portland, oder - jetzt nimmt er doch kurz Bezug auf die aktuellen Ereignisse - in Kenosha.

Es wird klar, dass es ihm nicht um den Mord an George Floyd geht oder die Schüsse auf Jacob Blake. Er nimmt beide Namen nicht in den Mund. Stattdessen nennt er den Namen eines Polizisten, der in gewaltsamen Ausschreitungen ums Leben kam, die die meist friedlichen Proteste begleitet haben. Sein Thema ist nicht, dass Schwarze in den USA überproportional häufig Opfer von Polizeigewalt werden. Sein Thema ist "Recht und Ordnung". Darum gehe es bei der Wahl am 3. November.

Pence redet an historischem Ort

Pence scheint fest entschlossen, sich weder von Stürmen noch Schießereien noch von einer Pandemie die Show stehlen zu lassen. Er spricht vor ein paar Hundert Zuhörern (alle nicht auf das Coronavirus getestet, niemand mit Maske) im Fort McHenry in Baltimore. Sie klatschen, einige johlen. Echte Publikumsgeräusche, schon das klingt fremd, wie aus einer anderen Welt in dieser Pandemie.

Es ist ein historischer Platz. In Fort McHenry haben 1814 etwa 1000 US-Soldaten einem massiven britischen Bombardement standgehalten. Die Schlacht inspirierte Francis Scott Key zu dem Gedicht "Defence of Fort M'Henry", das später der Liedtext der National-Hymne der USA wurde. Ein Ort wie gemacht für ein großes TV-Event.

Er passt auch hervorragend zur Überschrift über diesen dritten Abend des Parteitags der Republikaner: "Wir feiern Amerika als das Land der Helden." Zu Wort kommen Veteranen aus diversen Kriegen. Männer und Frauen, die Heldenhaftes erlebt haben. Oder selbst als Helden bezeichnet werden können.

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Das entbehrt alles nicht einer gewissen Ironie: Sie alle huldigen einem Mann, der sich damals, als er in den Vietnam-Krieg eingezogen werden sollte, von einem Arzt per Attest freistellen ließ - wegen eines angeblichen Fersensporns.

Pence nutzt seine Rede als eine der für ihn seltenen Möglichkeiten, sich dem amerikanischen Volk auf großer Bühne zu präsentieren. Er will ja nicht nur einfach weitere vier Jahre Vizepräsident unter Trump sein. Ihm werden Ambitionen nachgesagt, 2024 selbst als Präsidentschaftskandidat der Republikaner anzutreten.

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