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Parteitag in Berlin:Die Linke und ihr Dilemma

In der Wahrnehmung vieler Wähler führt Lafontaine die Linke nicht nur - er ist die Linke. Die Sache hat aber einen Haken: Die Partei ist ihm fremd geworden.

Hinter Oskar Lafontaine liegen die unangenehmsten Wochen seit seiner politischen Wiederauferstehung. Der Schöpfer der Linkspartei musste ein mäßiges Ergebnis bei der Europawahl hinnehmen, heftigen Streit der Parteiflügel erleben und offene Kritik an seiner Person aus den eigenen Reihen erdulden.

Kurzweilig, kämpferisch und mitreißend kann Oskar Lafontaine reden. Die Probleme seiner Partei kann er damit aber nicht lösen.

(Foto: Foto: ddp)

An diesem Samstag nun beginnt in Berlin der Parteitag, und der Gescholtene hat das erste Wort. Er wird es zu nutzen wissen. Seine nahezu magische Fähigkeit andere zu begeistern, hat Lafontaine schon bei der Sozialdemokratie unter Beweis gestellt.

Pragmatiker wollen regieren

Aller Voraussicht nach werden die linken Delegierten eine kurzweilige, eine kämpferische, vermutlich auch eine mitreißende Rede hören. Lafontaine könnte es so gelingen, die Probleme der Partei für den Augenblick vergessen zu machen. Gelöst werden sie dadurch nicht.

Alle in der Linken wissen, dass es die Partei als gesamtdeutsche Kraft ohne Lafontaine nicht gäbe. Erst durch ihn ist aus der Verbindung der PDS mit der WASG eine in Ost wie West attraktive Mischung geworden. Lafontaines Bedeutung für die Linke geht weit über die anderer Parteichefs hinaus.

In der Wahrnehmung vieler Wähler, zumindest im Westen, führt Lafontaine die Linke nicht nur. Er ist die Linke. Die Sache hat indes einen Haken: Lafontaine ist zum Gesicht einer Partei geworden, die ihm fremd ist. Das Karl-Liebknecht-Haus, das linke Hauptquartier in Berlin, ist ihm nie zur politischen Heimat geworden. Sein Büro dort betritt er höchst selten.

Wenn sich Lafontaine in seiner Partei umschaut, so sieht er zunächst die gut miteinander vernetzten Pragmatiker aus dem Osten mit Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch an der informellen Spitze. Das sind Menschen, die zumeist aus der SED kommen und wissen, dass sie zu ihr sicher nicht zurück wollen. Anderswo im zerborstenen Ostblock hätten sie sich zu Sozialdemokraten gewendet, in Deutschland standen sie vor den verschlossenen Türen der SPD. Die Pragmatiker wollen regieren, zunächst auf Landesebene und irgendwann einmal auch im Bund. Und sie fürchten, dass Lafontaine zu viele Brücken zur Macht sprengt.

Wendet der Vorsitzende seinen Kopf nach links, so findet er dort die Radikalen aus West und Ost. Sie sammeln sich keineswegs nur in der Kommunistischen Plattform des Bürgerschrecks Sahra Wagenknecht. In Strömungen wie der Antikapitalistischen Linken tummeln sich Gruppen und Grüppchen, die nicht nur die Marktwirtschaft ablehnen, sondern auch mit der parlamentarischen Demokratie fremdeln. Sie wissen, dass der einstige SPD-Chef nicht wirklich einer der ihren ist, Lafontaines radikaler Ton aber spornt sie an. Das wiederum irritiert den Gewerkschaftsflügel.

Mit geschlossenen Augen

Leute wie der WASG-Mitbegründer Klaus Ernst hatten sich auf die Fusion eingelassen, weil sie in Lafontaine einen Garanten ihrer Interessen sahen. Zwei Jahre nach dem Zusammenschluss aber ist offenkundig, dass der Saarländer sich keinem wesentlichen Milieu der Partei verpflichtet fühlt. Das allein müsste noch kein Problem darstellen. Lafontaine könnte aus seiner Distanz zu den Flügeln sogar Nutzen ziehen. Das aber würde die Bereitschaft zu mühseliger Parteiarbeit voraussetzen. Lafontaine müsste sich mit Konflikten auch dann befassen, wenn sie ihn langweilen. Bisher hat er das vermieden.

Auf dem Parteitag wird das Lafontaine nicht daran hindern, seinen Führungsanspruch zu bekräftigen. In Ermangelung einer Alternative muss die Linke ihm vorerst folgen. Die Frage aber bleibt: Wohin? Bei der Bundestagswahl kämpft die Linkspartei als einzige relevante Kraft nicht für eine Regierungsbeteiligung. Kommendes Jahr aber wird die lange hinausgeschobene Debatte über ein Grundsatzprogramm beginnen und damit der Konflikt über die Regierungsfähigkeit. Darauf müsste die Linke vorbereitet werden. Bislang aber zieht es das Gesicht der Partei vor, die Augen vor ihrem inneren Zustand zu verschließen.