Parteitag der US-Republikaner in Tampa:Romney will Amerika zurück in die Vergangenheit führen

Lesezeit: 5 min

Der Polit-Roboter macht sich locker: In einer soliden Rede verspricht Mitt Romney, die alte Stärke der USA wiederherzustellen. Er greift US-Präsident Obama nicht persönlich an, sondern umwirbt geschickt dessen enttäuschte Anhänger. Doch das Programm, mit dem der selbsternannte Business-Experte zwölf Millionen Jobs schaffen will, ist erschreckend vage.

Matthias Kolb, Tampa

Mitt Romney geht die Sache systematisch an. Handshake rechts, Handshake links, zur Abwechslung mal ein Schulterklopfen - so arbeitet sich der Republikaner durch die Menge zum Rednerpult vor. Dazu dröhnt Kid Rocks Song "Born Free" durch das Tampa Bay Times Forum. Vierzig Minuten wirkt Romney nicht mehr wie der steife Polit-Roboter, der seine Anhänger auf die stets gleiche Art angrinst. Entspannt und zufrieden steht der 65-Jährige mit seiner Ehefrau Ann auf der Bühne, 120.000 rote, blaue und weiße Luftballons regnen von der Decke.

Eine rhetorische Meisterleistung hatte niemand von dem frisch gekürten Präsidentschaftskandidaten erwartet - und er hat sie auch nicht geliefert. Stattdessen hielt Romney eine solide Rede, in der er versprach, die US-Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Für seine Kritik an Obamas Politik wurde er ebenso frenetisch gefeiert wie für sein Bekenntnis, Härte gegenüber Iran und Russland zu zeigen. Er sparte nicht mit Familien-Anekdoten und umschmeichelte die Wählerinnen. Jene Amerikaner vor den Fernseh-Bildschirmen, die sich noch kein abschließendes Urteil über ihn gebildet hatten, dürften auch keinen Grund gefunden haben, sich vor einem Präsident Mitt Romney zu fürchten. Dies waren seine Ziele für den Abend - ob er die Amerikaner überzeugen konnte, werden die nächsten Umfragen zeigen.

Es sei ihm "eine große Ehre und eine noch größere Verantwortung", die Nominierung seiner Partei für das Amt des US-Präsidenten anzunehmen, erklärte Romney zu Beginn der Rede. Seinen running mate Paul Ryan lobte er als "Mann mit großem Herz aus einer kleinen Stadt". Der Ex-Gouverneur von Massachusetts gab sich staatsmännisch und vermied persönliche Angriffe auf Amtsinhaber Barack Obama, den er im Wahlkampf regelmäßig in die Nähe des Sozialismus rückt und als Anhänger eines Wohlfahrtstaats europäischer Prägung schimpft.

Diese Aufgabe hatten andere übernommen. Tom Stemberg, Gründer der Bürowarenkette Staples, zweifelte an dessen Glauben und Lokalmatador Jeb Bush, Bruder von Ex-Präsident George W. Bush, zeterte: "Mister President, hören Sie auf, Ihren Vorgänger für Ihre gescheiterte Wirtschaftspolitik verantwortlich zu machen."

"Geht es Ihnen heute besser als vor vier Jahren?"

Schon nach wenigen Minuten umschmeichelte Romney die enttäuschten Obama-Fans: Es sei typisch für die Amerikaner, an eine bessere Zukunft zu glauben, weshalb die Versprechen von Hoffnung und Wandel 2008 so verführerisch waren. Doch viele Amerikaner müssten am 6. November eine Frage beantworten: "Seid ihr immer noch so begeistert von Barack Obama wie damals, als ihr ihn zum Präsidenten gewählt habt?" Es ist eine von zwei Fragen, über die viele Amerikaner länger nachdenken dürften. Die andere brachte der Republikaner-Kandidat etwas später an: "Geht es Ihnen heute besser als vor vier Jahren und glauben Sie, dass es Ihre Kinder besser haben werden?"

Dass Amerika noch immer das großartigste Land der Welt sei, in dem talentierte Menschen alles erreichen könnten, war das Leitmotiv des Abschlussabends in Tampa, der unter dem Motto "We believe in America" stand. Bemerkenswert waren die beiden Reden, die Romneys Auftritt vorangegangen waren: Oscar-Preisträger Clint Eastwood verblüffte als Überraschungsgast vor allem damit, dass er wie ein seniler Mann mit einem leeren Stuhl sprach - diesem stellte er all die Fragen, auf die er von Präsident Obama Antworten erhoffte.

Marco Rubio, kubanischstämmiger Senator aus Florida, zeigte in seiner bissigen Rede ("Wir haben kein Problem mit Obama, weil er ein schlechter Mensch ist. Das ist er nicht. Wir haben ein Problem mit ihm, weil er ein schlechter Präsident ist"), weshalb viele in ihm den ersten möglichen Latino-Präsidenten Amerikas sehen. Zuvor hatten die Choreographen des Parteitags in drei Stunden versucht, ihren Kandidaten in all den Punkten ins rechte Licht zu rücken, die das Obama-Lager zuletzt erbarmungslos attackiert hatte.

Gegen den Neid der Demokraten

Ein langer Videofilm beschrieb Romney als liebenden Ehemann und fürsorglichen Vater, drei Sportler priesen seine Leistung als Olympia-Organisator in Salt Lake City; auch die Tatsache, dass Romney Mormone ist, wurde erstmals ausführlich dargestellt. 15 bis 20 Stunden pro Woche habe Romney als Gemeindevorstand für seine Glaubensbrüder und -schwestern investiert, erzählt sein damaliger Assistent: "Er schippte Schnee, brachte Kranken Essen vorbei und war oft der Letzte bei Veranstaltungen." Die Botschaft ist klar: Romney mag Multimillionär sein, aber er kennt die Probleme der hart arbeitenden Durchschnittsamerikaner.

Durch das Vorprogramm, die Rede seiner Gattin Ann und die parallel zum Parteitag laufende Medienoffensive zur "Vermenschlichung" war der Boden bereitet, auf dem Mitt Romney sein Leben ins beste Licht rückte. Als zu Beginn der Rede ein paar Demonstranten mit Zwischenrufen seine Rede störten, reagierte Romney auf seine typische Art - mit einem Grinsen. Anders als Condoleezza Rice, die am Vortag auf Störer schlagfertig reagiert hatte, hielt sich der risikoscheue Romney ans Skript.

Er berichtete einfühlsam von Vater George, der aus Mexiko geflüchtet sei und es ohne College-Abschluss zum Gouverneur von Michigan gebracht habe. Die Anekdote, dass George seiner Gattin Lenore jeden Tag eine Rose auf den Nachttisch legte, durfte natürlich ebenso wenig fehlen wie das Bekenntnis des Sohnes, er sei wie seine Mutter davon überzeugt, dass es Frauen überall genauso weit bringen können wie Männer.

Sein Engagement beim Finanzinvestor Bain Capital stellte Romney äußerst romantisch dar: Mit ein paar Freunden habe er die "kleine Firma" gegründet, um mit ihrem Wissen Firmen zum Erfolg zu führen und anfangs hätten sie sehr zu kämpfen gehabt. Dass er bereits zuvor viel Geld in der Unternehmungsberatung Bain verdient hatte und für den Fall des Scheiterns ein schriftlich zugesichertes Rückkehrrecht besaß, verschwieg er.

"Amerika ist kein Land, das sich für Erfolg entschuldigt"

Wie Paul Ryan legte sich Romney auf eine Zahl fest: In vier Jahren wolle er zwölf Millionen Jobs schaffen. Sein Fünf-Stufen-Plan ist für einen selbst ernannten Business-Experten jedoch erstaunlich vage: Bis 2020 will Romney Nordamerika unabhängig von Energie-Importen machen und für mehr Freihandel sorgen. Jene Staaten, die hier tricksen, sollen bestraft werden - ein Satz, den man vor allem in Peking registrieren wird. Zudem möchte Romney das Bildungssystem verbessern, indem die Eltern mehr Wahlfreiheit bekommen. Wie dies gelingen soll, wenn zugleich die US-Staatsschulden abgebaut und der Haushalt ausgeglichen werden soll, verrät er nicht.

Zudem verneigte sich Romney vor dem small business ("Die Kleinunternehmer sind der Wachstumsmotor Amerikas") und wiederholte das Mantra der Republikaner: Mithilfe von Deregulierung und niedrigeren Steuersätzen werden neue Arbeitsplätze entstehen. Besonders groß war der Jubel der Delegierten bei der Forderung, Obamacare, jenes Gesetzespaket, das 30 Millionen Amerikanern Zugang zur Krankenversicherung verschafft, rückgängig zu machen.

Genau wie Barack Obama, der kommende Woche in Charlotte offiziell zum Kandidaten der Demokraten gekürt werden soll, stellte Romney die Abstimmung in zweieinhalb Monaten als Richtungswahl dar. Er werde die USA wieder zu alter Stärke führen, weil es seine Bürger nicht anders verdient hätten. Der Multimillionär warf den Demokraten vor, davon überzeugt zu sein, dass der Reichtum der einen nur durch die Armut der anderen zustande käme. Dieser Neid sei falsch: "Amerika ist ein Land, das den Erfolg feiert und kein Land, das sich für Erfolg entschuldigt."

Ob die Mehrheit der Amerikaner am 6. November das Gefühl hat, mit einem Präsidenten Mitt Romney mehr Erfolg im Leben haben zu können, bleibt abzuwarten. Die Möglichkeit, bald ins Weiße Haus einzuziehen, hat der Republikaner mit seinem Auftritt in Tampa jedenfalls nicht verspielt.

Linktipps:

"I accept your nomination for President of the United States of America": Romneys Rede zum Nachlesen.

Die New York Times hat in einer langen Analyse nachgezeichnet, wie sich der Kandidat Mitt Romney in den vergangenen viereinhalb Jahren neu erfunden hat.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB