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Parteitag der Piraten in Offenbach:Die Angst vor der revolutionären Kraft

Nun ist die Angst vor solchen Umwälzungen nicht ganz unbegründet. In jeder revolutionären Kraft steckt auch das Moment der Zerstörung. Und sowohl in der Wirtschaft wie auch in der Politik hat das Internet längst revolutionäre Kräfte entwickelt. Es ist ein "disruptor", wie es im modernen Wirtschaftsjargon heißt - eine Kraft, die viel verändert. In den Medien- und Kulturindustrien waren diese Veränderungen bisher ein wirtschaftliches Problem. Die Möglichkeit, perfekte Kopien in unbegrenzter Anzahl auch ohne Bezahlung zu verbreiten, hat herkömmliche Geschäftsmodelle in Frage gestellt.

In der Politik haben Obamas Wahlkampf, die Enthüllungen von Wikileaks und die Volksbewegungen des arabischen Frühlings das gewaltige Potential der digitalen Technologien gezeigt. Und dann ist da noch das gewaltige Problem vom rechtsfreien Raum einer Gesellschaftsform, die im abstrakten Cyberspace keine Landesgrenzen mehr kennt. Die Piraten aber haben erkannt, dass es auf diese Herausforderungen keine leichten Antworten geben kann, weil zumeist nicht einmal die richtigen Fragen gestellt werden.

Das Dilemma mit der Freiheit

Die eigentliche Schwierigkeit der traditionellen Politik ist dabei, dass sich die oft widersprüchlichen Dynamiken des Netzes nicht in die klassischen Muster der Parteienlandschaft einfügen lassen. Der neue Freiheitsbegriff, den das Internet geschaffen hat, umarmt sowohl die gesellschaftlichen Gerechtigkeitsideale der Linken als auch die wirtschaftslibertären Ideen der Rechten. Auch dieses Dilemma wurzelt in der Geschichte des Internets, das seine ideologische Wurzeln in Kalifornien hat. Im Spannungsfeld zwischen den gesellschaftlichen Utopien der sechziger Jahre und dem brutalen Fortschrittspragmatismus der Rüstungsindustrie fand die digitale Kultur Wege, mit diesen Widersprüchen zu leben.

Nun kann jeder sich entscheiden, ob er aus diesem Dilemma den positivistischen Schluss eines Al Gore zieht, oder lieber mit den Ängsten spielt, wie von der Leyen und Aigner. In Deutschland haben Politiker mit den Ängsten immer Erfolge feiern können. Denn hinter der Scheu vor neuen Technologien verbirgt sich gerade bei Älteren immer noch das Trauma der deutschen Geschichte, in welcher der technische Fortschritt und gerade die Massenmedien des frühen 20. Jahrhunderts von der Nazidiktatur missbraucht wurden.

Die Piraten aber vertreten eine Generation, die diese kollektiven Urängste nicht mehr kennt. Im Gegenteil. Sie gehören zu einer globalen Jugend, für die das Internet nicht nur Mittel ist, sondern auch Identitäts- und Sinnstifter. Wer ihre Werte von radikaler Offenheit und Teilhabe mit vorschnellen politischen Antworten angreift, wird sich auf einen Generationenkonflikt einstellen müssen.

© SZ vom 03.12.2011/infu
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