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Parteitag der Linken:Empört euch! Aber nicht übereinander!

Streit? Welcher Streit? Die Linke will auf ihrem Erfurter Bundesparteitag ihr neues Programm verabschieden und sich geschlossen präsentieren. Der "wichtigste Schritt seit der Parteigründung" sei das, mahnen Genossen. Parteichefin Gesine Lötzsch gibt den Ton vor: kämpferisch, offensiv, wütend auf Banken und die herrschende Klasse. Aber 1400 Änderungsanträge und eine offene Personalfrage drohen die Einigkeit zu zerstören.

Michael König, Erfurt

Als der Applaus aufbrandet, knöpft Oskar Lafontaine sein Jackett zu. Er steht auf, beugt sich herüber und gratuliert. Der Applaus reißt nicht ab, die Kameras halten drauf. Lafontaine schickt noch einige Freundlichkeiten hinterher, er lächelt, schließlich macht er den Daumen hoch und nickt wie ein römischer Herrscher im Circus Maximus.

Bundesparteitag der Linken in Erfurt

Die Vorsitzende der Linkspartei, Gesine Lötzsch, auf dem Bundesparteitag in Erfurt: "Die Empörung über andere Genossen sollte nie größer sein als die Empörung über die sozialen Verhältnisse in diesem Land."

(Foto: dpa)

Die so Geehrte heißt Gesine Lötzsch, ist Vorsitzende der Linken und an diesem Tag durchaus in der Rolle der Gladiatorin. Ihre Partei hat sich zuletzt aufgeführt wie eine mehrköpfige Schlange, die sich mit Vorliebe selbst beißt. Es gab Streit um die Bewertung der Berliner Mauer, um Israel und Antisemiten, um Glückwünsche an Fidel Castro. Und immer wieder um Gesine Lötzsch und Klaus Ernst, die Parteivorsitzenden. "Wir haben ein Höllenjahr hinter uns", raunt ein Funktionär.

Damit soll Schluss sein. Der Bundesparteitag in Erfurt soll ein Zeichen der Geschlossenheit senden, so ist es geplant. Am Ende soll die Verabschiedung eines Grundsatzprogramms stehen, dass der 2007 aus WASG und PDS vereinten Partei die Leitlinien für die Zukunft vorgeben soll. "Nach dem Gründungsparteitag ist das der wichtigste Schritt, den wir gehen", mahnt der Thüringer Landesvorsitzende Knut Korschewsky.

Der Auftakt wirkt harmonisch. Vor dem offiziellen Beginn am Freitagmorgen spielt eine Jazz-Band "Er gehört zu mir", einige Delegierte tanzen. Andere fallen sich um den Hals. Dann kommt Lötzsch und hält ihre Rede.

Lötzsch ist nicht unbedingt berüchtigt für ihr rhetorisches Talent. Und der Druck ist groß: Sie muss liefern, um die Personaldebatte zumindest kleinzuhalten. Nach überstandener Krankheit drängt Oskar Lafontaine auf die bundespolitische Bühne zurück, seine Vertraute Sahra Wagenknecht, Galionsfigur der Ultralinken, könnte Lötzsch im kommenden Jahr ablösen.

"Jede soziale Bewegung beginnt mit Empörung"

Die amtierende Parteichefin demonstriert erst einmal Energie. Im Laufschritt zum Rednerpult, zu Beginn ein Appell: "Wir haben uns hier getroffen, um Geschichte zu schreiben. Auch wenn das unseren Gegnern nicht passt." Ein Raunen im Saal der Messe Erfurt, vereinzelter Applaus. Kampfansagen ziehen immer, zumal in Krisenzeiten.

"Jede soziale Bewegung beginnt mit Empörung", sagt Lötzsch. Sie erinnert an Martin Luther, dessen Thesen "nicht nur die Kirche verändert" hätten. An die französische Revolution, an die russische Oktoberrevolution, an die Novemberrevolution in Deutschland. Nach zwei Minuten ist sie bei Karl Liebknecht angekommen, kurz darauf bei Ghandi, dann rasch bei der WASG. Es ist ein Parforceritt durch die Geschichte, das Tempo ist atemberaubend.

Nach vier Minuten erinnert Lötzsch: "Fünf Millionen Menschen wählten die Linke 2009 in den Deutschen Bundestag." Da will die Partei wieder hin. Derzeit muss sie Umfragen zufolge eher darum bangen, überhaupt wieder ins Parlament zu kommen. "Wir sind die Partei, die die Empörung der Menschen in ihrem Programm aufgreift", sagt Lötzsch und fordert Solidarität mit der Occupy-Wall-Street-Bewegung, die sich gegen die entfesselten Finanzmärkte richtet: "Occupy everywhere!"

Ihre Partei sei die einzige, "die ein Programm hat, die sich grundsätzlich mit dem Kapitalismus auseinandersetzt", sagt Lötzsch. Genauer gesagt will die Linke den Kapitalismus überwinden, abschaffen. Diese Forderung hat sie unter den etablierten Parteien exklusiv, genau wie einige andere: Die Nato auflösen, die Bundeswehr sofort aus allen Ländern abziehen. Stattdessen eine Art besseres Technisches Hilfswerk aufbauen und ihm den Titel "Willy-Brandt-Korps" verleihen - das will zumindest der Flügel um Oskar Lafontaine.

Dass mit solchen Forderungen kaum ein Koalitionspartner zu finden sein wird, ficht Lötzsch nicht an. Abgrenzung, klare Kante, das ist die Programmlinie. Die Lafontaine-Linie, die 2009 zum Erfolg geführt hat. So sieht das zumindest der weniger reformorientierte Flügel.

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