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Parteijubiläum:Gram war gestern bei den Grünen

Feier zu 30 Jahre Bündnis 90 und 40 Jahre Die Grünen

Gute Stimmung bei der Jubiläumsfeier im ehemaligen Motorwerk in Berlin: Gratulant Frank-Walter Steinmeier (Mitte) mit den Grünen-Chefs Robert Habeck und Annalena Baerbock.

(Foto: dpa)
  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lobt die Grünen bei ihrer Jubiläumsfeier in Berlin dafür, dass sie die Ökologie zu einem "vierten Fixpunkt" der Politik gemacht hätten.
  • Frühere interne Konflikte scheinen vergessen - nur Realo Rezzo Schlauch verweigert dem linken Unruhestifter Hans-Christian Ströbele nach wie vor den Applaus.
  • Ströbele, mittlerweile 80 Jahre alt, warnt auf der Bühne: Der derzeitige Dauerapplaus könne seiner Partei gefährlicher werden als all die Ablehnung von einst.

Irgendwann kommt dann Hans-Christian Ströbele auf die Bühne, er war mal "König von Kreuzberg" und der erste Grüne, der sich per Direktmandat in den Bundestag schicken ließ. Ströbele ist jetzt 80 Jahre alt und geht am Rollator, aber unter den vielen Gratulanten dieses Abends gehört er zu denen mit dem schärferen Blick. "Wir waren damals auf der Straße, und alle waren gegen uns. Nicht nur die Polizei, auch die Medien, die Umstehenden. Alle waren dagegen", erzählt er. Aber heute? Sei die ganze Welt für die Grünen, bis hin zum Bundespräsidenten. Schöner Erfolg, meint Ströbele. "Aber das ist auch schwierig. Wir wussten, wo der Gegner ist."

Freitagabend in einem ehemaligen Motorwerk in Berlin, die Grünen feiern 40. Geburtstag, ihre ostdeutsche Schwester Bündnis 90 wird 30 Jahre alt. Und weil die Partei nicht nur das erstaunlichste Chamäleon der politischen Landschaft ist, sondern auch stark wie nie zuvor, sind Kämpen aller Grünen-Generationen angereist. Der grüne Herr trägt dunkles Sakko an diesem Abend, die grüne Dame hat die schwarze Lederjacke von einst mit dem weich gewirkten Schultertuch vertauscht. Marianne Birthler, erste ostdeutsche Parteichefin der Grünen und von Westgrünen früher öfter mal abgewatscht, fällt Claudia Roth um den Hals. Der Parteilinke Jürgen Trittin klopft Realo Lukas Beckmann ab, der wiederum den Europapolitiker Reinhard Bütikofer herzt. Gram war gestern bei den Grünen, könnte man meinen. Wenn da nicht Rezzo Schlauch wäre, aber dazu später.

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Erst einmal macht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Grünen seine Aufwartung, "sozusagen das amtgewordene Establishment", wie er bemerkt. Es fehlt nicht an Lob in Steinmeiers Rede, für die Kompromissbereitschaft der Grünen, auch für die "große gesellschaftliche Integrationsleistung dieser Partei" bei der Fusion von West- mit Ost-Grünen. Größter Verdienst der Partei sei es, die Ökologie zu einem "vierten Fixpunkt" der Politik gemacht zu haben, "neben dem Sozialen, dem Liberalen und dem Konservativen" natürlich.

Baerbock hat zur Einstimmung eine Grünen-Doku geguckt

Da freuen sie sich im Publikum, und Annalena Baerbock freut sich auch. Die Parteichefin ist jetzt 39 Jahre alt, zum Zeitpunkt der Grünen-Gründung war sie noch nicht auf der Welt. Baerbock hat vor nicht allzu langer Zeit mal recht selbstbewusst erklärt, es müsse Schluss sein mit den Heldensagen grüner Oldies, von Gorleben und Brokdorf. Weil das nicht so passt zu einem Abend wie diesem, hat sie bis zwei Uhr morgens einen Dokumentarfilm über die Partei geschaut. Es sei ihr ein "Schauer über den Rücken gelaufen", bei all der Kraft, die ihr da entgegengeschlagen sei aus dem Fernseher, erzählt sie.

Auf der Bühne im Berliner Motorwerk erscheint jetzt Marianne Birthler, eine ehemalige Oppositionelle der DDR, die mit dem West-Grünen Lukas Beckmann darüber reden soll, wie es so war mit der Verständigung zwischen Ost und West. Doch, ja, sie seien schon "sehr anders" gewesen, Petra Kelly und Gert Bastian, die vor dem Mauerfall gelegentlich nach Ost-Berlin kamen, erzählt Birthler. "Jedes Gespräch in der DDR war eine Lebenserweiterung", sagt Lukas Beckmann über seine Treffen mit Bürgerrechtlern. Anders als die West-Grünen hätten sie Gefängnis riskiert.

1990, als die Grünen sich der deutschen Einheit verweigerten, hat Beckmann die Partei nicht mehr gewählt, die er selbst gegründet hatte. Er redet dann noch länger. Birthler redet länger nicht. Und da ist es wieder fast wie damals.

Aber es gibt noch andere Haarrisse, die an diesem Abend zutage treten, später, als auf dem Podium der Grünen-Veteran Hans-Christian Ströbele mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer plaudert. Was der Unterschied sei zwischen der Hausbesetzerbewegung und der Klimabewegung, will Parteichef Habeck von ihm wissen. Da redet der grüne Parteiveteran über Vereinnahmung durch Zuspruch, und dass Dauerapplaus den Grünen gefährlicher werden könnte als all die Ablehnung von damals. Nach ihm hat Luisa Neubauer das Wort, 23 und Galionsfigur der Klimabewegung. "Hi", sagt Neubauer, "ich komme gerade vom Vorstandschef von Siemens."

Irgendwann ruft jemand "Bravo!" im Saal, und dann stehen die grünen Gäste auf und applaudieren. Der Beifall gilt vor allem Ströbele. In den hinteren Reihen des Saales sitzt Rezzo Schlauch, einst Fraktionschef der Grünen, Realo und einer, dessen Abneigung für linke Unruhestifter wie Ströbele über die Jahre kaum verdampft zu sein scheint. Schlauch hält die Arme verschränkt, lange, und er wird sie erst wieder auseinanderfalten, als Joschka Fischers weißer Schopf auf der Bühne auftaucht.

"Dann kam Tschernobyl. Das war mal 'ne Großkatastrophe"

Letzte Gesprächsrunde auf dem Podium, der ehemalige grüne Außenminister soll mit Aminata Touré darüber sprechen, was die Macht mit dem Menschen anstellt. Touré ist stellvertretende Landtagspräsidentin in Schleswig-Holstein und eines der wenigen schwarzen Gesichter der Partei. Doch ja, als Tochter von Flüchtlingen, die aus Mail nach Deutschland kamen und über Jahre fürchten mussten, abgeschoben zu werden, habe sie sich gefragt: "Fühle ich mich vertreten in diesem Land?" Die Antwort lautete zunächst nein, auch bei den Grünen. Das müsse anders werden.

Ob er auch mal Angst gehabt habe in seiner Laufbahn, wird Joschka Fischer dann von Annalena Baerbock gefragt. "Och" - Fischer seufzt jetzt. Das erste Mal, als er Minister geworden sei in Hessen: "Das war wild". Aber es habe ja nur wenige Monate gedauert. "Dann kam Tschernobyl. Das war mal 'ne Großkatastrophe." Fischer guckt etwas ratlos, will dann aber doch noch etwas loswerden. "Verdammt nochmal, scheut nicht die Verantwortung, sondern nehmt sie und setzt sie durch", gibt er seiner Partei mit auf die Reise.

Jetzt klatscht auch Rezzo Schlauch, und die Band spielt "Heute hier, morgen dort". Vorn an der Bühne fangen die Gäste an zu schunkeln.

© SZ.de/jobr
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