Parteien in Deutschland Jung, politisch - aber wenig Lust auf Parteien

Der Erfolg von Donald Trump in den USA hat auch hierzulande junge Leute zum Protest mobilisiert.

(Foto: dpa)
  • Seit dem Sieg Trumps treten in Deutschland wieder mehr jüngere Menschen in Parteien ein.
  • Doch sie sind immer noch stark unterrepräsentiert.
  • Parteien sind für die Jugend immer weniger attraktiv. Das Engagement findet anderswo statt.
Von Sebastian Jannasch

Lena Sterzer kann Donald Trump ziemlich dankbar sein. Nicht, weil sie seine Ansichten gut findet. Von Trumps politischen Plänen hält die Vorsitzende des Münchner SPD-Nachwuchses überhaupt nichts. Aber ein Effekt, den der künftige US-Präsident auf ihren Jusos-Verband hat, freut die Doktorandin des Bauingenieurwesens umso mehr. "Seit der US-Wahl treten fünf, sechs neue Leute ein - pro Tag. Sonst sind es nur ein paar in der Woche", sagt sie. "Immer mehr junge Leute wollen Populisten etwas entgegensetzen."

Mit einem entsprechend guten Gefühl fährt die 28-Jährige an diesem Freitag nach Dresden. Dort findet bis zum Sonntag der Bundeskongress der Jusos statt. Die Botschaft vom Zuwachs an neuen Mitgliedern kommt also günstig. Und die Freude über mehr junge Leute, die sich für Parteiarbeit interessieren, ist schon deshalb besonders groß, weil sie zur Ausnahme geworden ist.

Die Parteien in Deutschland haben mit einem Schwund an Mitgliedern zu kämpfen: Seit der Wiedervereinigung haben außer den Grünen alle etablierten Parteien massiv Mitglieder eingebüßt. Bei der Linken steht ein Minus von 80 Prozent, bei der SPD und CDU ist die Basis um etwa die Hälfte eingebrochen.

Die Älteren sterben oder treten aus, Jüngere kommen kaum nach. Auch bei den meisten Nachwuchsorganisationen fallen oder stagnieren die Mitgliederzahlen. Denn die Parteiarbeit ist besonders für Jüngere wenig attraktiv. "Jungen Leuten wurde jahrelang gesagt, dass sie auf sich selber schauen müssen, wenn sie was erreichen wollen. Sie konzentrieren sich daher oft auf gute Leistungen, berufliches Fortkommen und Praktika", sagt Johanna Uekermann, Jusos-Bundesvorsitzende. Sich in einer Partei zu engagieren, hat da selten Priorität.

Unbeteiligt, aufs eigene Fortkommen bedacht, in der Freizeit nur bei Facebook - ist die Jugend also uninteressiert an Politik oder sogar politikverdrossen? Keineswegs, zeigen Umfragen. Jüngere werden wieder politischer. Seit 2002 ist der Anteil der unter 25-Jährigen, die politisches Interesse bekunden, laut der Shell-Studie 2015 von 30 Prozent auf zuletzt 41 Prozent geklettert.

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Klaus Hurrelmann, einer der Autoren der Studie, kann sich sogar vorstellen, dass das politische Interesse weiter steigt, sollte die Wirtschaftslage gut bleiben. "Wenn junge Leute sich weniger existenzielle Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen müssen, scheint auch immer das Interesse an Politik zu steigen", sagt der Sozialwissenschaftler. Nicht zuletzt durch den Fachkräftemangel würden besonders die unter 20-Jährigen wieder optimistisch ins Berufsleben blicken.

Damit steige auch die Bereitschaft, sich politisch zu engagieren, sagt Hurrelmann. "Allerdings profitieren die etablierten Parteien kaum von der Entwicklung." Den Organisationen bringen die Jüngeren wenig Vertrauen entgegen. Parteien würden als "gut geschmierte Apparate" wahrgenommen, die sich von Jungen kaum beeinflussen lassen.

Denn die Organisationen sind überaltert. Das Durchschnittsalter liegt bei SPD, CDU, CSU und Linken bei knapp 60 Jahren, bei den Grünen sind es 50 Jahre. "Ein verknöcherter Ortsverein, der von Älteren beherrscht wird, wirkt auf viele Jüngere abschreckend", sagt der Parteienforscher Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin. "Verglichen mit dem Anteil an der Bevölkerung sind die Jüngeren unter 25 Jahren in allen Parteien deutlich unterrepräsentiert, auch bei den Grünen."

Dazu kommt, dass junge Leute ganz andere Vorstellungen von politischem Engagement haben: Eine Online-Petition unterschreiben, umweltschädliche Produkte boykottieren oder als Teil einer sozialen Bewegung gegen TTIP protestieren - das sind beliebte Ausdrucksformen. "Das Engagement soll etwas bringen und auf ein konkretes Thema bezogen sein. Man will schnell sehen, dass etwas dabei herauskommt, um dann auch wieder etwas anderes zu machen", fasst Niedermayer die Anforderungen junger Engagierter zusammen.

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Ziemlich genau in Niedermayers Definition passen die jungen Menschen, die sich in einem Büro an der Berliner Friedrichstraße um einen wuchtigen Holztisch versammelt haben. Was Niedermayer als "Diskrepanz zwischen parteipolitischen Partizipationsansprüchen und den Erwartungen der Jugend" bezeichnet, klingt konkret so: "Ich finde nicht, dass man erst graue Haare und den dritten Doktortitel haben muss, bevor man ernsthaft an politischen Debatten teilnehmen kann", sagt Rahel Freist-Held. Die 21-jährige Studentin ist Mitglied von Polis180, einer Denkfabrik für Europa- und Außenpolitik, die politikbegeisterte Mittzwanziger vor anderthalb Jahren in Berlin gegründet haben.

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Die derzeit 150 Mitglieder veranstalten Workshops und Gesprächsrunden, schreiben Analysen, treffen Beamte und Politiker, um ihre Ideen und Lösungsansätze zur Flüchtlingskrise, Zukunft der EU und Digitalisierung der Diplomatie einzubringen. Der Leitgedanke: Alle dürfen mitmachen, keine unnötigen Hierarchien, kreative Formate von Erklärvideos über Speed-Dating mit Experten bis hin zu Politikgedichten. Bei Polis versteht man sich als Sprachrohr der jüngeren Generation, "politisch, aber gleichzeitig überparteilich". Das haben sie sich explizit ins Programm geschrieben. Parteien nehmen viele von ihnen als behäbige Kolosse wahr, ideologiegetränkt und wenig beweglich.

Studentin Rahel Freist-Held kann sich derzeit nicht vorstellen, in eine Partei einzutreten. Auch für viele andere sei das nicht attraktiv. "Es ist total schwer, dort ein Quereinsteiger zu sein. Um etwas bewirken zu können, muss man schon ein paar Jahre aktiv dabei sein und sich auch erst mal regional einbringen." Die Ochsentour vom Ortsverein bis in die Parteizentrale finden dabei die wenigsten einladend.

Junge Leute sind mobil, doch die Partei fordert Ortsbindung

Ein wenig anders sieht das Julian Zuber. Der 29-Jährige ist einer der Präsidenten von Polis180, promoviert in Politik und sitzt zugleich für die Grünen im Bezirksausschuss Neuhausen-Nymphenburg in München. Er kennt die Parteiarbeit auch aus der Praxis. Ein Problem sieht er darin, dass physische Präsenz so wichtig ist, gerade bei Ämtern, in die man für mehrere Jahre gewählt wird. Skypen ist da keine Option. "Wir Jüngeren sind hochmobil. Wer weiß schon, wo er in ein paar Jahren leben wird." Sich zu binden, bedeutet eine Einschränkung.

Polis-Mitglied Marcel Hadeed, 27, schätzt die offene Diskussionskultur bei Polis. "Mir ist es wichtig, abseits der Ideologie von Parteien Ideen zu diskutieren und meine Argumente im Gespräch mit anderen zu überprüfen." Wer in einer Partei Karriere machen wolle, müsse sich zwangsläufig an vorgefertigte Positionen halten, weil man nicht auf allen Feldern kompetent sein könne. "Uns interessiert Außenpolitik. Hier wollen wir uns als Nachwuchsexperten direkt bei Entscheidungsträgern in Ministerien und Politik einbringen."