Parteien Das Millionenrätsel

Familie, Freunde, Bekannte - sie alle rätseln, was hinter dem Entschluss des verstorbenen Klaus-Dieter E. steckt. Und ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Ein Hildesheimer Unternehmer ändert kurz vor seinem Tod sein Testament. Neuer Alleinerbe: ein CDU-naher Verein. Einziger Zeuge: ein Notar mit CDU-Parteibuch.

Von Peter Burghardt

Die Geschichte dieser Millionenerbschaft beginnt beim Einparken.

Am 31. März dieses Jahres will ein alter und kranker Mann im niedersächsischen Hildesheim seinen Sportwagen in die Garage stellen, es ist ein Jaguar. Seine langjährige Lebensgefährtin weist ihn ein, denn die gepflasterte Einfahrt ist abschüssig und eng. Klaus-Dieter E., der unter den Folgen eines Schlaganfalls leidet, fährt Elke W. beim Rangieren ungeschickt an. Sie stürzt - und stirbt noch am Unglücksort. Der Rentner Klaus-Dieter E. erleidet einen schweren Schock und wird ins Krankenhaus gebracht.

Ein Unfall, kein Zweifel, auch wenn pflichtgemäß wegen fahrlässiger Tötung ermittelt wird. Zweifel allerdings bestehen an dem, was dann geschieht.

Was folgt, ist ein Rätsel, das auch die Hildesheimer Justiz beschäftigt, einen Bruder von Klaus-Dieter E. und einen Neffen, der Privatdetektiv ist. Es geht um eine Menge Geld und auch um Politik. Die Frage: Wieso vererbt dieser 80-jährige Multimillionär kurz nach dem schrecklichen Verlust seiner Partnerin und Erbin plötzlich sein gesamtes Vermögen einem wenig bekannten Flüchtlingshilfeverein mit Verbindungen zu einer Hildesheimer Notarsfamilie und der Hildesheimer CDU?

Die enterbte Familie weist auf eine Reihe von Seltsamkeiten hin

Denn eine Woche nach dem Unfall ändert Klaus-Dieter E. sein Testament. Am 6. April 2017 setzt er im Beisein seines Notars in seiner Wohnung einen neuen Erben ein: "den gemeinnützigen Verein JU are welcome e.V. mit Sitz in Hildesheim". Die folgende Hausnummer ist dieselbe wie die des Notars im Hildesheimer Zentrum, der die Erbschaft beglaubigt. Namen und Anschrift des Empfängers sind nur handschriftlich vermerkt, fünf Zeilen, dabei ist die Erbmasse enorm.

Der Besitz des früheren Unternehmers Klaus-Dieter E. summiert sich auf mehrere Millionen Euro. Ihm gehörte ein Schuhgeschäft, er hatte für fast vier Millionen Euro ein geerbtes Mehrparteienhaus in der Hildesheimer Altstadt verkauft und dort zuvor hohe Mieteinnahmen erzielt. Er verbrachte viel Zeit in Irland und Südafrika, besaß teure Pferde, mehrere Konten, seine Wohnung, schicke Autos. Kinder hatte er keine - Elke W. kümmerte sich bis zuletzt um ihren von Sprachproblemen und Lähmungserscheinungen geplagten Partner. Sein engster noch lebender Verwandter ist sein Bruder Manfred E.. Ihm wollte Klaus-Dieter E. anfangs 25 Monate lang je 2000 Euro hinterlassen, strich den Anteil jedoch nach einem Zwist der Brüder bereits im Januar 2017 aus dem Testament.

Am 24. Mai stirbt Klaus-Dieter E. nach weiteren Aufenthalten im Krankenhaus zuhause. Sein Zustand hatte sich seit dem Tod seiner Lebensgefährtin immer weiter verschlechtert. Damit ist der gemeinnützige Verein JU are welcome! Hildesheim e.V. als Alleinerbe plötzlich zum Besitzer eines Vermögens geworden.

Vielleicht hätte niemand genauer nachgefragt, wäre nicht vor allem der Neffe des Verstorbenen hellhörig geworden. Er sagt: "Die Sache ist faul."

Carsten E. führt seit 1991 eine Detektei in Dortmund, zu seinem Onkel Klaus-Dieter E. in Niedersachsen hatte er erst vor wenigen Jahren wieder Kontakt. Sein Vater Manfred E. und dessen Lebensgefährtin hatten Klaus-Dieter E. ein paar Tage vor dessen Tod besucht, um den Ärger zwischen den Brüdern zu besänftigen. Manfred E. rechnet mit keinem Erbe, aber er und sein Sohn Carsten E. können es trotzdem nicht fassen, als sie später dieses Testament lesen. Warum dieser Verein?

Carsten E. treibt außer detektivischem Eifer auch familiäres Interesse an, das gibt er zu. Es gehe immerhin um Familienerbe. "Ich könnte mir einen zusammen spinnen", sagt er, "aber ich habe einfach nur gründlich recherchiert." Er meint, sein Onkel sei betrogen worden.

Seine Recherchen füllen einen Ordner. Er informiert sich ausführlich über den Verein JU are welcome! Hildesheim e.V. Der wurde im Dezember 2015 von vornehmlich Hildesheimer Mitgliedern der Jungen Union (JU) gegründet, um "hilfsbedürftige Personen" zu unterstützen, "insbesondere Flüchtlingskinder", wie es auf der Facebook-Seite heißt. Die sichtbaren Aktivitäten bis zur Testamentsänderung im Frühjahr 2017: gespendete Kleidung, Schulsachen und Spielzeug - nicht viel. Facebook-Likes bis vor kurzem: weniger als hundert. Und jetzt: ein Millionenerbe?

Der beschenkte Verein setzt sich für Flüchtlinge ein. Der Erblasser war eigentlich stramm rechts

Stutzig machen Carsten E. mehrere Details. Er sieht, dass zum Zeitpunkt der Testamentsänderung ein Sohn des Notars Schatzmeister und ein Sohn von dessen Sozia Vorsitzender der JU are welcome! Hildesheim e.V. ist. Der Notar selbst ist Schatzmeister der Hildesheimer CDU. Und der Vereinsvize ist auch Vize der Hildesheimer CDU. Als Adresse des Vereins taucht mal die Privatanschrift der Notars-Familie beziehungsweise der Söhne auf, mal die Kanzleianschrift. Carsten E. findet, der Notar hätte bei solcher Nähe zu den Erben bei der Testierung zumindest einen Zeugen gebraucht. "Ich verlange keine Zuziehung von Zeugen", heißt es im gedruckten Teil des Testaments von Klaus-Dieter E.. Carsten E. unterhält sich mit eigenen Zeugen und sammelt Indizien. Er glaubt: "Ich habe das Puzzle ganz gut zusammengesetzt."

Am 13. Juni 2017 eröffnet das Amtsgericht Hildesheim das Testament. In der Nacht auf den 24. Juni 2017 wird in der Wohnung der verstorbenen Klaus-Dieter E. und Elke W. eingebrochen, die grüne Tür aufgestemmt, Edelsteine verschwinden. Ein weiteres Mysterium. "Das Ding ist ja mehr als spannend", sagt ein Ermittler. Am 12. Juli 2017 beantragt JU are welcome! Hildesheim e.V. über einen Anwalt den Erbschein. Am 17. Juli ficht Manfred E. mit einem Anwalt das Testament an. Damit ist das Erbe fürs erste blockiert. Carsten E., der Neffe und Detektiv, erstattet außerdem Strafanzeigen gegen den Notar.

Carsten E. und sein Vater Manfred E. halten es für ausgeschlossen, dass ihr Onkel oder Bruder sein Hab und Gut einem Flüchtlingshilfeverein der Hildesheimer JU vermachen wollte. Klaus-Dieter E. habe extrem rechte Ansichten vertreten und rechtslastige Bücher gelesen. Carsten E. hält es zwar für möglich, dass Klaus-Dieter E. für einen wohltätigen Zweck spenden wollte oder einen Pferdehof - Pferde und Mineralien waren seine Leidenschaft. Er hätte es verstanden, wenn er zum Beispiel SOS Kinderdorf bedacht hätte. Mit JU, CDU oder Flüchtlingen aber habe Klaus-Dieter E. nichts am Hut gehabt.

Vertrauter von Klaus-Dieter E.

"Ich bezweifle, dass er wusste, was er da unterschrieb. Für Flüchtlinge hätte er keinen Euro ausgegeben."

Zeugen teilen den Eindruck. "Dafür kann ich mich verbürgen", sagt einer, der Klaus-Dieter E. bis in den Tod begleitete. Herr E. sei "sehr, sehr rechts", gewesen. "Die CDU war für ihn keine konservative Partei mehr. Die Flüchtlingsproblematik war ihm zuwider, er hätte dafür keinen Euro ausgegeben." Ein anderer, der Klaus-Dieter E. in wichtigen Fragen verbunden war, sagt: "Ich bezweifle, dass er wusste, was er da unterschrieb." Ein weiterer früherer Vertrauter sagt: "Da stinkt gewaltig was zum Himmel."

Carsten E. zweifelt sogar daran, dass die Unterschrift unter dem Testament die seines Onkels ist, ein Grafologe müsste das beurteilen. Auf keinen Fall glaubt er, dass Klaus-Dieter E. nach Tragödie und Klinikaufenthalt gesundheitlich in der Lage gewesen sei, so eine Entscheidung zu treffen.

Beurteilen muss das nun das Amtsgericht Hildesheim. Unterschrift und Testierfähigkeit von Klaus-Dieter E. sollen von Gutachtern geprüft, Zeugen gehört werden. Eine Klärung ist auch deshalb von Interesse, weil der bedachte Verein wegen seiner Gemeinnützigkeit von der üppigen Erbschaftssteuer befreit ist. "Alle spüren, da war was nicht okay", sagt ein vormaliger Ratgeber von Klaus-Dieter E. "Man staunt. Aber weisen sie das mal nach."

Es ist wie bei vielen umstrittenen Erbschaften älterer Leute: Es gibt nur noch einen Zeugen - den Notar. Am Telefon verweist er auf seine Schweigepflicht, Gespräch beendet. Der Verein JU are welcome! bestätigt auf SZ-Anfrage, dass man "als Erbe eines Hildesheimer Bürgers" eingesetzt worden sei, aber bis zum Abschluss des Erbscheinverfahrens nichts sagen könne. Was den Erblasser betreffe, so sei er "der Jungen Union freundschaftlich verbunden" gewesen und habe "auch sonst karitativ" gewirkt, "beispielsweise durch Spenden an Kinderhilfswerke." Kurz nach der Mail der SZ ruft der Verein auf Facebook zu einer Weihnachts-Sachspendenaktion für bedürftige Kinder auf. "Auch in diesem Jahr." Für 2016 war da an Weihnachten aber bisher nichts zu finden.

Ein Anwalt des Vereins rechtfertigt den Nachlass in einem langen Schreiben, das Manfred und Carsten E. vorliegt. Die Vorwürfe von Manfred E. seien überwiegend falsch und konstruiert, heißt es in der Stellungnahme. Klaus-Dieter E. habe schnell denken und entscheiden können. Er sei als erfahrener Geschäftsmann bis zu seinem Tode im Stande gewesen, sein Handeln abzuschätzen und zu unterschreiben. Er habe für gemeinnützige Zwecke spenden wollen und sei auf den Verein aufmerksam geworden. JU are welcome! Hildesheim e.V. wolle "nicht Wirtschaftskriminelle unterstützen, sondern tatkräftig Jugendliche Migranten", die in der Region seien. Klaus-Dieter E. habe "den ungeliebten Bruder Manfred E." von der Erbschaft ausschließen wollen.

Carsten E. dagegen hat von einer Freundschaft seines Onkels zur JU nirgendwo gehört, auch sei niemand aus dem Vereinsvorstand bei dessen Beerdigung gewesen. Carsten E. und Manfred E. waren auch nicht dort, man hatte sie nicht informiert. Carsten E. vermutet, da sei eilig eine Millionenerbschaft umgeschrieben worden, und niemand habe damit gerechnet, dass das auffallen könne.