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Parlamentswahl in Ungarn:Viktor Orbán kehrt zurück

Er bewundert Silvio Berlusconi und verachtet das Parlament: Ungarns Ex-Premier Viktor Orbán steht kurz vor einem triumphalen Wahlsieg - auch wegen seiner nationalistischen Parolen.

"Das geht doch nicht, dass die Heimat in die Opposition muss!'' Die ganze Entrüstung, die Viktor Orbán vor acht Jahren in diesen Ausruf legte, unterteilt unmissverständlich die Welt: Hier er selbst, Heimattreue und Volksliebe, Wahrhaftigkeit und Reinheit; dort die vaterlandslosen Gesellen, deren Liebe zur Heimat in äußerstem Zweifel steht.

Orbán hatte gerade die Parlamentswahl und sein Amt als Ministerpräsident der Republik Ungarn verloren. Doch nun steht "die Heimat", um im pathetischen Bild zu bleiben vor einem großen Sieg. Für Sonntag, dem ersten Durchgang der Parlamentswahl, sagt man Orbán und seinem Bund der Jungdemokraten (Fidesz) einen Kantersieg voraus, der sogar die Zweit-Drittel-Mehrheit bringen könnte.

Kompliziertes Wahlsystem fördert extreme Mehrheiten

Alle Prognosen nehmen die absolute Mehrheit für ausgemacht, strittig ist allein, ob es für die verfassungsändernde Mehrheit der Mandate reicht und die Fidesz künftig aus eigener Macht Ungarn umkrempeln könnte. Ein kompliziertes Wahlsystem befördert extreme Mehrheiten im Parlament. Das war schon so, als der heute 46 Jahre alte Orbán aus dem westungarischen Székesfehérvár 1998 die Regierung in Budapest übernahm in einer Koalition mit der reaktionären Kleinlandwirtepartei und dem Ungarischen Demokratischen Forum (MDF), das 1989/90 ein wichtige Kraft für Umbruch und Ende des Kommunismus war.

Städtische Liberale und Intellektuelle blicken furchtsam in die Zukunft, denn niemand weiß, was Orbán wirklich vorhat. Dennoch sehnen die meisten Ungarn, auch jene, die Orbáns Fidesz fürchten, die Wahl herbei: Es soll Schluss sein mit Jahren der Agonie, mit dem Dauerbombardement der von gegenseitigem Hass zerfressenen politischen Lager; endlich soll jemand die ganze Verantwortung haben und dafür gerade stehen müssen, wie es mit der krisengebeutelten, zerrissenen Gesellschaft weitergehen soll.

Die vergangenen Jahre hat sich eine Koalition aus Sozialisten und Freien Demokraten in Reformversuchen heillos verheddert, die - obwohl teils überlebenswichtig - auch unter dem Trommelfeuer der Opposition zumeist scheiterten. Korruption und Mauscheleien der Regierungsparteien mit öffentlichen Unternehmen taten ein übrigens.

Orbán, trotz grauer Strähnen im dunklen Haar noch immer eine Tatkraft suggerierende jugendliche Gestalt, will die Übeltäter in Handschellen vorführen, auch wenn manches faule Geschäft bis in seine erste Regierungszeit zurückreicht. Die Hoffnung keimt dennoch, dass er, erst einmal im Amt, unter dem Druck der Verantwortung für den zentraleuropäischen Schlüsselstaat seinen Kurs innerer Konfrontation und verstörender Ansprüche nach außen aufgeben könnte. Neue Konkurrenz von rechts, wo man sie lange am wenigsten erwartet hätte, lässt ihn in der letzten Wahlkampfphase sogar die Hasstiraden gegen Linke und Liberale abmildern, um für die bürgerliche Mitte akzeptabler zu werden.

Auftritt wie ein Donnerschlag

Als eines der jungen, dynamischen Talente der ersten Stunde landete der Chef der Fidesz im Juni 1989 einen Auftritt wie ein Donnerschlag. Ungarns sich damals rasch lockerndes kommunistisches Regime ließ Imre Nagy feierlich umbetten, den hingerichteten tragischen Helden des Volksaufstandes von 1956.

Dabei forderte der studentische Heißsporn Orbán in einer flammenden Rede den sofortigen Abzug aller Sowjettruppen. Ein ungeheuerliches Ansinnen damals, das die Verzagten als Provokation verurteilten, das dem Feuergeist aber bei anderen schlagartig Heldenstatus einbrachte und Bekanntheit in aller Welt.

Damals wäre der Jungspund noch links vom Ungarischen Demokratischen Forum einzuordnen gewesen, also als linksliberal, wie der damals führende österreichische Christdemokrat Erhard Busek erläutert, einer der großen Förderer der jungen Demokraten im Osten.