Parlamentswahl:Die jungen Leute ziehen vom Land in die Stadt

Den eigenen Erfolg sehen die Wnorowskis nicht ohne Skepsis. "Wir konnten nur so stark expandieren, weil viele junge Polen in unserem Land keine Zukunft für sich sehen", sagt Wiesław Wnorowski. "Wir haben das Land derer gekauft, die gegangen sind." Statt zehn gibt es nur noch zwei Bauernhöfe im Dorf. Der Sohn der Wnorowskis, der 26 Jahre alte Kamil, wird den Hof übernehmen - damit ist er die Ausnahme von der Regel.

Drei Neffen und Nichten von Teresa Wnorowski sind wegen besser bezahlter Jobs schon ausgewandert. Und so hat die Gemeinde zwar ein schön renoviertes Schulgebäude, es sitzen aber immer weniger Kinder drin. "2002 hatten wir etwa 500 Schüler - heute noch 300", sagt Gemeindevorsteher Grochowski. Statt wie früher 4300 Menschen sind in der Gemeinde nur noch 3250 Einwohner gemeldet. "Und von diesen wohnen in Wahrheit viele ebenfalls im Ausland."

Schuld an dem Exodus, der sich anderswo in Polen wiederholt, hat aus Sicht der Wnorowskis auch die Regierung. "In acht Jahren hat die Regierung nichts getan, um junge Polen zum Bleiben zu bewegen", sagt Teresa Wnorowski. Bürgermeister Siekierko in Wysokie Mazowieckie beklagt, Polen habe einen großen Teil seiner Industrie verloren. "Die neue Regierung muss Jobs schaffen, das Mindestgehalt erhöhen und jungen Polen ein höheres steuerfreies Einkommen sichern." Versprechen, wie sie PiS-Spitzenkandidatin Beata Szydło im Wahlkampf oft verkündet hat.

Vielen konservativen Polen geht der Wandel zu schnell

In Westeuropa dominierte lange das Bild eines sich modernisierenden Landes mit glänzenden Einkaufszentren und Wolkenkratzern im Zentrum Warschaus. Das aber war nur ein Teil der Wahrheit: Polen ist immer noch gespalten - und zwar nicht nur in den wohlhabenderen und liberaleren Westen und einen deutlich konservativeren Osten, der vor allem PiS wählt. Auch in Warschau haben viele junge Polen das Gefühl, der Aufschwung gehe an ihnen vorbei. Viele von ihnen wählten deshalb schon im Mai die PiS oder einen der Protestkandidaten.

Zudem geht vielen konservativen Polen der gesellschaftliche Wandel zu schnell. "Dies ist eine tief katholische Gegend", sagt Teresa Wnorowski. "Viele Dinge, die diese Regierung getan hat, missfallen uns." Etwa ein Gesetz, das Geschlechtsumwandlung erleichtern soll - und gegen das der neue Präsident kürzlich sein Veto einlegte.

Und noch etwas anderes irritiert Teresa Wnorowski: "Es stört mich, wenn in unseren Schulen polnischen Klassiker durch Harry Potter abgelöst werden", sagt sie. Zwar steht Harry Potter auch in Polen nicht auf den Lehrplan. Für konservative Teile der katholischen Kirche ist der Zauberlehrling aber wegen seiner vermeintlich unchristlichen Magie ein Reizobjekt.

Lieber Kinder statt Flüchtlinge

Polen profitiert finanziell von allen EU-Ländern mit Abstand am meisten von seiner Mitgliedschaft: Von 2014 bis 2020 zahlt Warschau etwa 30 Milliarden Euro an die EU, bekommt aber knapp 106 Milliarden Euro. Diese Zahlen freilich kennen die meisten Polen nicht: Schließlich untermauern Ressentiments gegen übermächtige Außenstehende die immer noch unsichere polnische Staatsidentität. "Die PO hat es in den vergangenen acht Jahren zugelassen, dass die stärkeren Länder der EU uns vorgeschrieben haben, was wir zu tun haben", sagt Bürgermeister Siekierko.

Dieses Gefühl bestimmt auch den Umgang mit Europas Thema Nummer eins, den Flüchtlingen. Warnungen von PiS-Parteichef Kaczyński vor Überfremdung durch muslimische Flüchtlinge fallen auf fruchtbaren Boden. "Wenn wir so vorgehen, wie es die EU jetzt will, und viele Flüchtlinge von außen aufnehmen, kann es in zehn oder fünfzehn Jahren in Europa so viele Fremde wie Einheimische geben - und dann werden wir mit ihnen kämpfen müssen", befürchtet Teresa Wnorowski. Europa brauche nicht die vielen Flüchtlinge, sondern eine wirksame Geburtenpolitik, "damit bei uns wieder mehr Kinder zur Welt kommen".

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB