bedeckt München 13°

Parlamentswahl:Die Partei der Ängstlichen hat gute Chancen

Poland's main opposition party Law and Justice's leader Kaczynski meets with citizens of Brzeziny

Jarosław Kaczyński, Chef der Oppositionspartei PiS, bei einem Wahlkampf-Auftritt. Die Warnungen des Politikers vor Überfremdung fallen auf fruchtbaren Boden.

(Foto: Kacper Pempel/Reuters)
  • Am kommenden Sonntag wählen die Polen eine neue Regierung.
  • In Umfragen führt Beata Szydło von der PiS, der nationalkonservativen Partei von Jarosław Kaczyński.
  • Polen ist nach wie vor in einen wohlhabenderen und liberaleren Westen und einen deutlich konservativeren Osten gespalten.

Von Florian Hassel, Kulesze Kościelne

Jarosław Siekierko musste nicht lange überlegen, als er gebeten wurde, den Kandidaten der nationalkonservativen Oppositionspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) im Präsidentschaftswahlkampf in diesem Frühjahr zu unterstützen. Siekierko, Bürgermeister der Kleinstadt Wysokie Mazowieckie, 140 Kilometer nordöstlich von Warschau, unterstützte zusammen mit anderen in der Region geschätzten Politikern, Professoren und Unternehmern den PiS-Kandidaten Andrzej Duda. Ihr Einsatz hat sich gelohnt: Duda besiegte im Mai klar den bisherigen Präsidenten, der sich allzu sehr auf seinen Amtsbonus verlassen hatte. "Viele Menschen hoffen, dass Duda Polen zum Besseren verändert", sagt Siekierko - und dass es der PiS mit Spitzenkandidatin Beata Szydło gelingt, nach dem Präsidentenamt nun auch die Regierungsspitze zu erobern.

Am Sonntag wählen die Polen ihr neues Parlament und damit eine neue Regierung. Die aktuelle, von der Bürgerplattform (PO) geführte Mitte-rechts-Koalition liegt in allen Umfragen weit hinter der PiS von Parteichef Jarosław Kaczyński zurück. Und das, obwohl Polen in acht PO-Jahren einen in Zentral- und Osteuropa einmaligen Aufschwung erlebt hat. Doch viele Polen hadern mit Veränderungen, auch wenn sie von ihnen profitieren - wie im Osten Polens, traditionell einer PiS-Hochburg.

Vor elf Jahren stimmten 70 Prozent der Bauern gegen den EU-Beitritt

"In unserer Region spielen Patriotismus und Polnisch-Sein eine große Rolle", sagt Bürgermeister Siekierko. "Der bisherigen Regierung ist das nicht so wichtig. Andrzej Duda aber ist stolz darauf, Pole zu sein, und er zeigt es auch - etwa wenn er demonstrativ an der Seite von Erzbischöfen der in Polen immer noch sehr einflussreichen katholischen Kirche auftritt. Auch deshalb bekam PiS-Kandidat Duda in Wysokie Mazowieckie und Umgebung mindestens zwei Drittel der Stimmen.

In der ländlichen Gemeinde Kulesze Kościelne waren es sogar 93,5 Prozent - landesweiter Rekord. "Alte Traditionen, die Kirche und die Erde sind uns wichtig", sagt Gemeindevorsteher Józef Grochowski. "Manche Familiennamen reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Wer hier früher Land verkaufte, das er von seinem Vater geerbt hatte, stempelte sich zum Außenseiter."

Die haben es hier traditionell nicht leicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg kämpfte die "Polnische Heimatarmee" noch Anfang der Fünfzigerjahre gegen das kommunistische Regime. Nicht nur Bürgermeister Siekierko glaubt, dass sich die Kommunisten deshalb nicht trauten, Bauern hier zu enteignen und wie anderswo in Sowchosen oder Kolchosen zu zwingen. Später misstrauten die Menschen auch der EU. "Die Bauern hatten Angst, in der EU unterzugehen. Bei uns haben vor elf Jahren 70 Prozent der Einwohner gegen den Beitritt zur EU gestimmt", sagt Gemeindevorsteher Grochowski. "Heute freilich würden die meisten wohl mit Ja stimmen."

Die Bauern hoffen auf ein Gesetz, das sie vor westlichen Konzernen schützt

Wie vielerorts in Polen sind in Kulesze Kościelne die ehemals schlechten Straßen frisch asphaltiert, die Schulen und Kindergärten sind modernisiert und mit neuen Fußballplätzen ausgestattet - stets versehen mit einem Schild, das auf EU-Förderung hinweist. Auch Wiesław Wnorowski ist heute "glücklich, dass Polen in der EU ist".

Der Aufstieg seiner Familie zu den größten Bauern der Gegend war nicht einfach. Großvater Hippolit, Hofgründer und Dorfvorsteher, wurde unter deutscher Besetzung im Zweiten Weltkrieg von der SS verhaftet, weil es einigen Juden gelungen war, sich im Dorf zeitweise vor den deutschen Mördern zu verstecken. Er starb im Konzentrationslager Stutthof in der Nähe von Danzig. Wnorowskis Vater Julian führte den Hof fort. Später bauten Wiesław Wnorowski und seine Frau Teresa den Hof auf die vierfache Größe aus, mit 80 Hektar eigenem Land und 230 Milchkühen.

Im Wohnzimmer mit dem mächtigen Kamin und Bildern von Papst Johannes Paul II. ist eine Kommode mit glänzenden Pokalen gefüllt - Auszeichnungen für die "besten Milchkühe" oder den "Bauernhof des Jahres". Die Wnorowskis bekamen zwar EU-Subventionen, bezahlten ihren Ausbau aber vor allem auf Pump. "Wir Bauern waren verdammt, einen Kredit nach dem anderen aufzunehmen, um auf EU-Niveau zu kommen", sagt Teresa Wnorowski.

Immer noch haben die Bauern Angst vor einem Ausverkauf an übermächtige westliche Konzerne. Von der PiS erhoffen sie sich im Falle eines Wahlsiegs "ein Gesetz zum Schutz polnischer Bauern, das uns vor dem Ausverkauf schützt und uns ein Vorkaufsrecht sichert", sagt Teresa Wnorowski. Und so ziert den Hofeingang ein großes Wahlplakat des örtlichen PiS-Kandidaten für die Parlamentswahl.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite