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Pariser Elite:Wie eine Hochschul-Clique Frankreich regiert

Francois Hollande und sein Jahrgang der Elitehochschule Ena besetzt in Frankreich zahlreiche Posten

Frankreich sei eine "Republik der Klassenkameraden" geworden, meinen Kritiker.

(Foto: AFP)

Bankchefs, Vorstandsmitglieder und Politiker: Ein einziger Jahrgang der Pariser Elite-Hochschule "Ena" besetzt unzählige der wichtigsten Ämter Frankreichs. "Hollandes Schattenarmee" trägt zum Gefühl vieler Franzosen bei, in Paris schiebe sich eine abgehobene Clique Macht und Posten zu.

Von Stefan Ulrich, Paris

In Frankreich heißen sie "Hollandes Schattenarmee". Frappierend viele Schüler eines Jahrgangs der Elitehochschule Ena sitzen heute an Schaltstellen der Macht in Paris. Sie haben ihren Studienfreund François Hollande im Wahlkampf unterstützt und helfen dem Präsidenten nun beim Regieren. Die Affäre um Hollandes Wahlkampfschatzmeister Jean-Jacques Augier, der an Firmen in Steueroasen beteiligt war, lenkt die Aufmerksamkeit auf die unheimliche "promotion Voltaire", die von 1978 bis 1980 an der Ena studierte. Kritiker finden, die "Voltairiens" monopolisierten die Macht.

Frankreich sei eine "Republik der Klassenkameraden" geworden. Ein paar Beispiele? Neben Hollande und Augier paukten im Jahrgang Voltaire der einflussreiche Arbeitsminister Michel Sapin, Élysée-Generaldirektor Pierre-René Lemas sowie die Kabinettsdirektorin des Präsidenten Sylvie Hubac. Die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal lernte Hollande auf einer Party der Voltairiens lieben. Das Paar bekam vier Kinder und trennte sich später. Bei der nächsten Regierungsumbildung könnte Royal ins Kabinett einziehen.

Sarkozy wollte die Macht der Enarchen mindern

Auch Bankchefs, Vorstandsmitglieder, Botschafter, Mitglieder des Verfassungsrats und Beamte gehören zu Hollandes Voltairiens. Zahlreiche andere Mächtige, etwa der Außenminister und der Finanzminister, studierten in anderen Jahrgängen an der Ena. Ex- Präsident Nicolas Sarkozy, der von Außen kam, wollte die Macht der Enarchen mindern. Heute wirken sie wichtiger denn je.

Ihr Einfluss trägt zum Gefühl vieler Franzosen bei, in Paris schiebe sich eine abgehobene Clique Macht und Posten zu. Dabei hatte Charles de Gaulle die Ena 1945 gegründet, um den Zugang zu den Spitzenjobs zu demokratisieren und eine frische Leistungselite heranzuziehen.

Das ist an sich gelungen. Drei Präsidenten, sieben Premiers und unzählige Minister gingen aus der Ena hervor. Mit den Jahren wuchs jedoch die Kritik, die Enarchen teilten den Staat unter sich auf. Zudem bilde die Eliteschule eher Technokraten der Macht als Wirtschaftsführer oder Staatsmänner aus.

"Ein großer Teil wird bald in Rente gehen"

Manche nennen Hollande als Beispiel. Der Präsident galt in seiner Studienzeit nicht als typischer Enarch. Seine Mitschüler erzählen, er habe den Konkurrenzdruck mit Sarkasmus unterlaufen. Das hätte auch Voltaire gefallen.

Hollandes Jahrgang hatte sich nach dem Philosophen benannt, weil dessen 200. Todestag 1978 war. Der Student Hollande soll eloquent und führungsstark gewesen sein. Er gründete die Ena-Gewerkschaft Caréna. Sein Charme, heißt es, habe damals nicht nur Mademoiselle Royal angezogen. Hollande, Royal und die anderen träumten davon, Frankreich zu reformieren.

Sie hatten Glück. 1981 gewann François Mitterrand die Wahl und zog als erster Sozialist in der Fünften Republik in den Élysée ein. Viele Posten wurden neu besetzt. Der Weg für die Voltairiens war frei. Heute stellen sie den Präsidenten. Alle, die diese Machtfülle ängstigt, tröstet Élysée-Generalsekretär Lemas: "Ein großer Teil der promotion Voltaire wird bald in Rente gehen."

© SZ vom 06.04.2013/rela
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