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Paris:Die Königin lebt

So schön und so gefährlich: Die Stadt entdeckt die Liebe zum Fahrrad.

Ob zusammengebunden oder übereinandergestapelt haben Sektflaschen, Neujahrsknaller und Weihnachtsbäume auf dem Gepäckträger eines Fahrrads etwas von der Schönheit, wie sie dem Dichter Lautréamont vorschwebte. "Schön wie die Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einen Seziertisch" lautet seine berühmte Formulierung. Neben Regenschirmen, Nähmaschinen und Feiertagsmüll kann man in diesen Tagen auch viel anderes auf dem Fahrrad über die Pariser Boulevards rollen sehen. Wo seit bald einem Monat wegen Streiks Züge und Busse ausfallen, schwingt sich aufs Fahrrad, wer kann. Und aus der Not wird ein Spaß. "La petite reine", die kleine Königin, wie das Fahrrad in Frankreich zärtlich genannt wird, erlebt einen Boom.

Dabei sind die Franzosen keine Fans dieses Vehikels im Alltagsgebrauch. Trotz des beschwingt radelnden Briefträgers François in Jacques Tatis Film "Jours de fête" und der alljährlichen Begeisterung für die Tour de France lassen sich einstweilen im Alltag nur drei Prozent der Franzosen fürs Fahrrad gewinnen. In Deutschland sind es viermal so viele.

Doch das könnte sich ändern. In Paris ist seit Beginn des Streiks die Zahl der Fahrradnutzer um vierzig Prozent nach oben geschnellt. Bei den E-Bikes, die neuerdings vom städtischen Leihradbetrieb Vélib' überall angeboten werden, sind es sogar plus 250 Prozent. Abzulesen ist dieser Anstieg nicht zuletzt an den Unfallquoten. Sechshundert Mal habe die Nothilfe an den ersten zehn Streiktagen wegen Unfällen mit dem Fahrrad oder Roller ausrücken müssen, hieß es. Das ist rund ein Drittel mehr als in derselben Periode des Vorjahres. Denn nicht jeder Neubekehrte des Zweirads ist gleich ein Virtuose der Lenkstange.

Beim Lobbyverein "Paris en selle" (Paris auf dem Sattel) geht man davon aus, dass die Hälfte der neuen Adepten auch nach Ende des Streiks auf dem täglichen Arbeitsweg beim Fahrrad bleiben könnten. Sind das die neuen Flaneure von Paris, die den Arbeitsweg zur Spazierfahrt machen?

Die Stadtregierung unternimmt seit einigen Jahren viel dafür und will in diesem Jahr die Fahrradspuren auf insgesamt 1400 Kilometer ausweiten, meistens zulasten des Autos. Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo möchte aus Paris die Traumstadt des Fahrrads machen. Davon ist man allerdings noch weit entfernt. Sturzhelm und Atemmaske bleiben im dichten Verkehr unverzichtbar, und vom lockeren Dahingleiten wie in Amsterdam oder Kopenhagen kann keine Rede sein. Der Trumpf von Paris liegt vor allem in der Stadtkulisse. Die vor zwei Jahren autofrei gewordene "Voie Georges-Pompidou", eine Schnellstraße längs der Seine, lässt mit ihren Blickachsen auf Place de la Concorde, Orsay-Museum, Louvre, Conciergerie und Notre-Dame das Herz auch des eiligsten Radfahrers höher schlagen.

Für die in diesem Jahr für eine zweite Amtszeit zur Wahl antretende Oberbürgermeisterin ist der Streik ein Geschenk. Nach Jahren des Kampfs gegen die Autolobby und nach einem chaotischen Start mit dem neuen Leihradbetreiber steht sie mit ihrem Linksbündnis in günstiger Position. Aber auch alle ihre Konkurrenten wetteifern mit Angeboten zur "sanften Mobilität".

© SZ vom 03.01.2020

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