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Parallelgesellschaften und Anti-Islamismus:Unter Verdacht

Tatsächlich bezog Buß sich auf Islamisten-oder meinte er Muslime allgemein? Ihm wie vielen anderen sind die Unterschiede unklar oder einerlei: Die Strukturen sind eben undurchsichtig - aus dieser Undurchsichtigkeit heraus werden Horrorszenarien konstruiert.

Der Mann großer Sprüche

Das prominenteste Szenario dieser Sorte war das Theater um den "Kalifen von Köln": fest verankert, so schien es, in den türkischen Ghettos Deutschlands, mit Abertausenden von Gefolgsleuten, und auf bestem Weg, durch Mord und Terror von Köln aus Kontrolle über Deutschland zu erringen.

Der Ethnologe Werner Schiffauer kommt in seiner sorgfältigen Studie über die Kaplan-Gemeinde zu anderen Schlüssen: Es handelt sich dabei um eine typische puritanische und charismatisch geführte Einwanderersekte, die heute vielleicht noch ein paar hundert Mitglieder zählt.

Metin Kaplan war vor allem ein Mann großer Sprüche, sowohl gegenüber Deutschland als auch gegenüber der Türkei. Mit der massiven Kampagne gegen ihn wurde suggeriert, alle türkischen Organisationen im Land stünden unter ähnlichem Verdacht.

Kaplan erinnert an eine andere megalomane Einwanderergeschichte. Im 19. Jahrhundert gründeten isländische Einwanderer in Kanada nicht nur eine Parallelgesellschaft, sondern gar einen parallelen Staat, die "Free Icelandic Republic". Und wie reagierte die Regierung in Ottawa? Sie reagierte überhaupt nicht. Nach einigen Jahren war es mit der großartigen Republik vorbei, und die Isländer wurden brave kanadische Bürger.

Drastisches Anpassungsproblem

Die Betonung der Undurchsichtigkeit, in Wirklichkeit: das Nicht-Anerkennenwollen des Anderen, führt auch zum Nicht-Anerkennenwollen der politischen Bedürfnisse der Anderen. So wird auf die Zeitung Milli Gazete, eine Publikation der nationalreligiösen Organisation Milli Görüs, mit einigem durchaus berechtigten Stirnrunzeln verwiesen.

Stimmt, es ist nicht alles schön, was dort zu lesen ist. Da warnt etwa eine größere türkische Organisation davor, türkische Kinder könnten "Juden-und Christenkomitees" zum Fraß vorgeworfen werden. Nur: Sollte man nicht auch einmal nachfragen, wer denn diese Zeitung liest?

Zum allergrößten Teil sind es ältere Herren aus den hintersten Dörfern Anatoliens - und eben nicht die jungen, modernen Anwälte, Geschäftsleute, Ärzte oder Journalisten, die der Milli Görüs ebenfalls angehören.

Milli Gazete repräsentiert Milli Görüs oder gar Türken insgesamt in etwa so, wie die National-Zeitung die Meinung aller Deutschen repräsentiert. Wir kennen Flügelkämpfe in unseren Parteien, Gewerkschaften und anderen Organisationen. Dass aber auch türkische oder muslimische Organisationen nicht monolithisch sind, kommt vielen hierzulande nicht in den Sinn.

Beispiellos ist die jüngste Titelgeschichte des Spiegel über die Misshandlung muslimischer Frauen. Es geht um Zwangsheiraten, Brautpreise, Ehren tötungen und anderes. Kein Zweifel, das gibt es, genau so, wie es auf einheimischer Seite Zwangsentführungen von Kindern, Familientragödien, Bedrohung entfremdeter Ehepartner gibt.