Papst in Großbritannien Heiliger Zorn

Die Missbrauchsfälle haben den Ruf des Katholizismus ruiniert - und für den Papstbesuch muss auch noch der Steuerzahler zahlen: Auf seiner Reise nach Großbritannien wird es hart für Benedikt XVI.

Von Wolfgang Koydl

Er mag zwar seinen Frieden mit dem politischen Gegner geschlossen und sich weitgehend aus dem aktiven Leben zurückgezogen haben. Doch wenn es um die verhassten römischen Papisten und ihren Anführer geht, dann hat der frühere nordirische Protestantenchef Ian Paisley nichts von seinem heiligen Zorn verloren.

Protest gegen den Pontifex: Viele Briten sind wütend über den Papstbesuch.

(Foto: AFP)

Trotz seiner 84 Jahre ist der Brandredner zusammen mit 60 Getreuen von Belfast über die irische See hinüber nach Glasgow geflogen. Dort will er gegen den Besuch von Benedikt XVI. protestieren - nicht lautstark, wie er versichert, sondern gesittet mit einem Transparent und einer kleinen Gegenkundgebung.

Ähnlich verhalten und diszipliniert dürfte wohl auch die Mehrzahl der anderen Proteste verlaufen, die der Papst bei seinem, an diesem Donnerstag beginnenden Besuch Großbritanniens erwarten kann. Nicht mehr als 2000 Personen werden zur größten Kundgebung am Samstag in London erwartet, wo die Papst- Gegner am Rande eines Gebetstreffens im Hyde-Park protestieren wollen. Und die bissigsten und hasserfülltesten Kommentare finden sich sowieso im Internet. "Geh doch zurück in dein von Mussolini ausgehecktes Westentaschen-Fürstentum und komm' nie wieder", empfiehlt etwa Richard Dawkins, gleichsam der Papst der britischen Freidenker, dem Papst.

Im Gegensatz zum Pastor Paisley und seiner Freien Presbyterianischen Kirche sind es freilich weniger Protestanten, die aus religiösen Gründen Einwände gegen die Anwesenheit des Pontifex Maximus in Großbritannien artikulieren, das als erster europäischer Staat vor 500 Jahren den Bruch mit Rom vollzog. Vielmehr sind es Atheisten wie Dawkins, Menschenrechtler, Wissenschaftler und Steuerzahler, die gegen die Reise protestieren. Letztere empören sich vor allem über den Aufwand, der für den ersten Staatsbesuch eines Papstes im Vereinigten Königreich getrieben wird.

Die Kosten werden auf über 20 Millionen Pfund geschätzt, wovon mehr als die Hälfte - rund zwölf Millionen Pfund - aus öffentlichen Mitteln aufgebracht werden müssen. Die Kosten für die Sicherheitsmaßnahmen sind darin noch nicht einmal enthalten.

Mehr als die Hälfte der befragten Briten (57 Prozent) erklärten jüngst in einer Meinungsumfrage, dass gerade in diesen wirtschaftlich angespannten Zeiten kein Penny aus Steuergeldern für eine derart extravagante Reise ausgegeben werden solle. Den Rest der Kosten steuert die katholische Kirche bei - teils über Kollekten, teils über den Verkauf von Souvenirs, teils über Eintrittskarten für die Messen, welche der Heilige Vater in Glasgow, London und zuletzt in Birmingham lesen wird, wo er den englischen Kardinal John Newman seligsprechen will. Die Preise rangieren zwischen bescheidenen fünf Pfund und stattlichen 25 Pfund.

Letzteres ist vielleicht einer der Gründe, weshalb die Kirche noch immer auf Tausenden unverkaufter Karten sitzt. Die Rede ist von annähernd 50 000 Tickets - ein Fünftel aller gedruckten Karten. Erzbischof Vincent Nichols, das Oberhaupt der sechs Millionen Katholiken in England und Wales, gab sich zwar kämpferisch zuversichtlich, als er verkündete: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die Katholiken (in diesem Land) sehr auf diesen Besuch freuen." Andererseits könnte jedoch eher jener englische Katholik recht gehabt haben, der sich anonym der Londoner Times anvertraute. "Nur wenige katholische Kirchgänger können sich einen aktiven Protest gegen den Papst vorstellen", sagte er. "Sie werden sicher keine Eier werfen. Aber viele werden ihre Ambivalenz oder ihre Ablehnung der Ansichten (des Papstes) zum Ausdruck bringen, indem sie den großen öffentlichen Veranstaltungen fernbleiben."

Tatsächlich wurden in den letzten Tagen katholische Schulen im ganzen Land mit einem Anflug von Panik eingeladen, ganze Busladungen von Schulklassen zu entsenden. Als Johannes Paul II. vor 28 Jahren in einem sehr viel bescheideneren Pastoralbesuch nach Großbritannien kam, da drängten sich Hunderttausende am Flughafen von Coventry, um einen Blick auf diesen Papst zu erhaschen. Auch Benedikt wollte nun an diesen Ort zurückkehren. Doch als sich abzeichnete, dass die Massen an Gläubigen und Schaulustigen wohl ausbleiben würden, verlegte man die Messe in einen Park. Aber selbst hier ist nicht sicher, ob die Veranstalter die geplanten 60 000 Besucher zusammenkriegen werden.

Bei der Masse der nicht-katholischen Briten - knapp sechs der 60 Millionen Briten sind katholisch, 30 Millionen gehören der anglikanischen Kirche an - ist die anfängliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Besuch mittlerweile einer frostigen Ablehnung gewichen. Sie wird vor allem aus den Berichten über Kindesmissbrauch durch katholische Priester gespeist. Inzwischen gilt es als sicher, dass Benedikt - ähnlich wie bei seinen früheren Besuchen in Malta, den USA und Australien - auch in Großbritannien Missbrauchsopfer in einer Privataudienz empfangen wird. Insgesamt 83 Prozent der Briten bekundeten wenige Tage vor dem Besuch in einer Erhebung, dass die katholische Kirche bei der Aufarbeitung des Skandals unehrlich gewesen sei. Diese negative Meinung wird auf das Gesamtbild der Kirche übertragen. Sie wird von 72 Prozent der Briten als "intolerant und voreingenommen" wahrgenommen.