Papst in der Türkei Franziskus sucht die Nähe zum Islam

Papst Franziskus wird am Freitag in der Türkei eintreffen. Der Zeitpunkt seiner Reise ist heikel - wegen der Sicherheitslage für Christen im Nahen Osten.

(Foto: imago/Ulmer/Lingria)
  • Der bescheiden auftretende Papst Franziskus wird ausgerechnet der erste Staatsgast im neuen Palast des türkischen Präsidenten Erdoğan in Ankara sein.
  • In Istanbul will der Pontifex dafür in einer bescheidenen Unterkunft einkehren.
  • Franziskus wollte ursprünglich auch die Flüchtlinge an der türkisch-syrischen Grenze besuchen, aber den Sicherheitsleuten war das zu heikel.
  • Tausende Polizisten sichern den Besuch des Oberhaupts der katholischen Kirche - in türkischen Medien wird über Attentatsversuche spekuliert.
Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Im Europaparlament hat Papst Franziskus gerade Egoismus und "hemmungslosen Konsum" gegeißelt. Nun wird ausgerechnet dem für seine Bescheidenheit gerühmten Oberhaupt der katholischen Kirche eine Ehre zuteil, die so gar nicht zum Papst der Armen passt.

Franziskus wird am Freitag der erste Staatsgast im neuen Palast der Superlative von Recep Tayyip Erdoğan in Ankara sein. Der türkische Präsident, der sich jüngst ganz allein auf der Prunktreppe des 1000-Zimmer-Sarays ablichten ließ, will den Papst unbedingt in seinem sündteuren Palazzo empfangen. Die Architektenkammer von Ankara und die Oppositionspartei CHP haben den Vatikan gebeten, das türkische Versailles zu meiden, schließlich sei der gigantische Komplex "illegal in einem Naturschutzgebiet errichtet worden". Die Bitte war vergeblich.

Ein Papst geht aufs Ganze

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"Wie jeder höfliche Mensch geht der Papst dorthin, wohin er eingeladen wurde", ließ Vatikansprecher Frederico Lombardi wissen. Franziskus aber versteht sich auch auf Gesten, und ein Zeichen hat er schon gesetzt. Der 77-Jährige habe darauf bestanden, in Istanbul - der zweiten Station seiner dreitägigen Reise - in einer einfachen Unterkunft und nicht in einem Fünf-Sterne-Hotel zu nächtigen, berichtete die regierungsnahe Zeitung Yeni Şafak. Diesen Wunsch konnten die Gastgeber schlecht abschlagen. Nicht hinnehmen wollten sie dagegen die Bitte des Papstes, in einem ungepanzerten Mittelklassewagen durch die Bosporus-Stadt zu fahren. Dafür ist die Sicherheitslage zu heikel.

Mehr als 7000 Polizisten sollen Franziskus in Istanbul schützen. Für die ganze Visite gilt Alarmstufe Rot. In türkischen Medien wurde über mögliche Attentatsversuche von Extremisten spekuliert. Konkrete Drohungen soll es aber nicht geben. Die politische Lage in der Türkei ist angespannt, und die Konflikte in der Region, besonders der Krieg im benachbarten Syrien, sorgen für zusätzliche Risiken. Von Abu Bakr al-Baghdadi, dem Führer des selbsterklärten "Islamischen Staats", stammt der Aufruf an seine Terrormiliz: "Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr Rom erobern."

Franziskus wäre am liebsten an die türkisch-syrische Grenze gefahren

IS-Kämpferzellen gibt es auch in Istanbul und Ankara. Erst diese Woche sagte Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu, von 600 Türken, die für die Dschihadisten kämpften, seien schon 100 tot. 1100 Ausländer habe die Türkei als potenzielle IS-Kämpfer bereits des Landes verwiesen. Lange hatte sie reisende Dschihadisten eher ignoriert. Etwa 1,5 Millionen Syrer leben als Flüchtlinge in der Türkei, darunter auch Christen. Einige haben in einer ehemaligen Kirche in Istanbul Zuflucht gefunden. Franziskus wäre am liebsten zu den Vertriebenen an die türkisch-syrische Grenze gefahren - oder gleich in den kurdischen Nordirak, wie italienische Medien berichteten. Da standen den Sicherheitsleuten sofort die Haare zu Berge. Der Grund für solche Reisewünsche: die Sorge des Papstes um die Zukunft des orientalischen Christentums an seinen Ursprungsorten, in Syrien und im Irak.

Der IS, aber auch die syrische Armee, haben nicht nur Christen vertrieben, sie haben auch viele Kirchen zerstört - darunter zuletzt die Märtyrer-Kirche im syrischen Deir al-Sor, die der Erinnerung an den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren gewidmet war. Den Christen im Nahen Osten drohe ein "großes Begräbnis", warnt der syrisch-orthodoxe Metropolit von Istanbul, Yusuf Çetin.

Am Bosporus leben die meisten der gut 100 000 Christen der Türkei, deren 76 Millionen Einwohner überwiegend sunnitische Muslime sind. Die Vielfalt der christlichen Glaubensrichtungen im Land zeugt bis heute davon, dass in der Region einst Platz für viel mehr Christen war. Da gibt es noch armenisch-orthodoxe, armenisch-katholische, griechisch-orthodoxe und syrische Christen, dazu Chaldäer, Maroniten, Protestanten und römische Katholiken. Für die Papstmesse in der Heilig-Geist-Kirche, unweit des berühmten Gezi-Parks, bekam jede Gruppe nur wenige Tickets. Radio Vatikan und das türkische Staatsfernsehen TRT übertragen live.

Ähnlich eng wird es wohl beim ökumenischen Gebet mit dem orthodoxen Patriarchen Bartholomäus I. in der Kirche des Heiligen Georg im alten Istanbuler Griechen-Viertel Fener. Die Begegnung des Papstes mit dem spirituellen Oberhaupt von mehr als 300 Millionen Orthodoxen ist der Hauptgrund der Reise. Istanbul, das einstige Byzanz, die Stadt des oströmischen Kaisertums, ist der Ort, an dem immer wieder um Glaubensbekenntnisse gerungen und Schismen besiegelt wurden. Franziskus und Bartholomäus wollen die Wiederannäherung der Kirchen fördern. Ein fernes Ziel. Die Versöhnungsgesten werden vor allem von der russischen Kirche misstrauisch beäugt.

Chef der türkischen Religionsbehörde will über Islamophobie reden

Zuletzt hatte 2006 Papst Benedikt XVI. Istanbul besucht. Wie sein Vorgänger will Franziskus die Hagia Sophia sehen, in der sich die Geschichte von eineinhalb Jahrtausenden manifestiert: im sechsten Jahrhundert unter Kaiser Justinian erbaut, von den katholischen Kreuzrittern verwüstet, von Mehmet, dem Eroberer Istanbuls, 1453 zur Moschee erklärt und zu Atatürks-Zeiten in ein Museum verwandelt. Türkische Fundamentalisten verlangten immer wieder die Umwandlung in eine Moschee. Erdoğan ließ sie mit der Mahnung abblitzen, sie sollten erst einmal die existierenden Moscheen füllen. Davon gibt es in Istanbul 2000 - neben 150 christlichen Gotteshäusern.

Auch die berühmte Blaue Moschee wird der Papst aufsuchen. Ihr Imam, Ishak Kızılaslan, möchte ihn von der Friedensbotschaft des Islam überzeugen. Der Chef der türkischen Religionsbehörde will ebenfalls mit dem Papst reden: über wachsende Islamophobie im Westen.

Die Kirchen in der Türkei klagen nach wie vor darüber, dass ihnen ein offizieller Rechtsstatus fehlt. Aber sie betonen auch, in den zwölf Jahren, in denen die konservative AKP regiert, habe sich für die Christen einiges verbessert. Zumindest ein Teil des über Jahrzehnte hinweg enteigneten Besitzes der Gemeinden wurde zurückgegeben. In offiziellen Dokumenten wird Bartholomäus seit einiger Zeit als "Ökumenischer Patriarch" bezeichnet - Nationalisten hatten dies stets abgelehnt. Ähnlich wie mit dem Palastbau knüpft Erdoğan damit sogar an Traditionen an: Die Sultane gewährten ihren Untertanen auch religiöse Freiheiten - solange sie nicht aufbegehrten.

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