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Reaktionen auf Papstbrief:Kritik am päpstliche Votum im Fall Marx

Kardinal Marx bei Papst Franziskus

Kardinal Reinhard Marx (links) soll Bischof bleiben, hat Papst Franziskus beschlossen. Kündigen kann der Münchner nicht.

(Foto: dpa)

Rückwärtsgewandt, vage, frauenfeindlich: Die Begründung, mit der Papst Franziskus Kardinal Marx im Amt belassen will, löst scharfe Reaktionen aus. Auch Marx selbst wirkt nicht ganz glücklich.

Die Entscheidung von Papst Franziskus, das Rücktrittsgesuch des Münchner Erzbischofs Kardinal Reinhard Marx abzulehnen, hat vor allem wegen seiner Geschwindigkeit überrascht - wohl auch Marx selbst. "Ich muss das erstmal verarbeiten", sagte er am Donnerstagabend zu wartenden Journalisten, als er zu Fuß zu einem Gottesdienst mit angehenden Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten im Münchner Stadtteil Schwabing kam. Er hatte sich von seinem Fahrer an der Straßenecke absetzen lassen.

Die Deutungen des päpstlichen Votums gehen weit auseinander. Franziskus hat sein Schreiben in zuweilen pathetischem argentinischen Spanisch verfasst, es lässt Spielraum für Interpretationen. Der Eichstätter Theologe Martin Kirschner kritisierte den Brief als "nicht eindeutig": Der Papst spreche von Fehlern in früheren Zeiten, "aber es geht ja auch um eigene Fehler, die auch die jüngere Vergangenheit und die Aufarbeitung in der Gegenwart betreffen. Wenn nicht deutlich wird, dass auch die amtliche Kirche mehr gibt als schöne Worte, fürchte ich, dass das Momentum und die Freiheit verloren gehen, die Kardinal Marx mit einem Rücktrittsangebot ermöglicht hat", sagte er.

Der Hamburger Historiker Thomas Großbölting, der für das Bistum Münster den Umgang mit Missbrauchsfällen untersucht, sieht das anders: Der Papst stärke Marx und dessen Anliegen der konsequenten Aufarbeitung, sagte er dem Spiegel. Das Rücktrittsangebot sei ein starker symbolischer Akt gewesen, "um das Thema nach vorn zu bringen". Indem er Marx so ausdrücklich lobt und bestärkt, geht Papst Franziskus aber auch ein Risiko ein, denn ein Gutachten zu Marx' Verhalten, vor allem in seiner Zeit in Trier, steht noch aus. Sollten ihm schwere Verfehlungen nachgewiesen werden, könnte das negativ auf den Papst zurückfallen.

"Der Missbrauchsskandal wird für rein kirchenpolitische Zwecke benutzt"

Ratlos lässt der Papstbrief Agnes Wich von der Betroffeneninitiative Süddeutschland zurück: "Ich frage mich einmal mehr: Wo steht dieser Papst wirklich? In welche Richtung blickt er? Blickt er wirklich auf die Betroffenen? Es scheint mir eher so, dass hier der anhaltende Missbrauchsskandal für rein kirchenpolitische Zwecke benutzt wird", sagt sie. Besonders ein Satz habe sie sehr getroffen. "Als Kirche müssen wir um die Gnade der Scham bitten, damit der Herr uns davor bewahrt, die schamlose Dirne aus Ezechiel 16 zu sein", schreibt Franziskus. "Das bringt wieder einmal die frauenverachtende Haltung zum Ausdruck. Die Frau als Verführerin ist die allein Schuldige."

Kardinal Marx nennt die Entscheidung des Papstes, ihn weiter im Amt zu belassen, "eine Herausforderung". Tatsächlich gehört es zum Wesen der absolutistischen Monarchie, die die Kirche darstellt, dass Marx nicht wie ein Angestellter einfach kündigen kann. Katholische Geistliche versprechen mit ihrer Weihe gemäß Ziffer 273 des Codex Iuris Canonici, des kanonischen Rechts, ihrem Bischof und dem Papst Gehorsam. Sich konsequent zu verweigern, wäre strafbarer Ungehorsam nach Canon 1371, Paragraph 1, sagt der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke. Der Papst könnte ihn dann aus dem Amt entfernen oder anderweitig bestrafen.

© SZ/KNA/dpa/zoc/skle
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Leserdiskussion
:Rücktritt abgelehnt - die richtige Entscheidung des Papstes?

Papst Franziskus hat in einem offenen Brief das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx abgelehnt. Dieser hatte seinen Verzicht angeboten, weil er Mitverantwortung tragen wollte für den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

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