G 7:Es ist eine Premiere: Der Papst fliegt ein

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Der Papst kommt mit dem Hubschrauber aus Rom. Die Gastgeberin empfängt ihn in der Ferienanlage Borgo Egnazia. (Foto: Divisione Produzione Fotografica/Vatican Mediia/Catholic Press Photo/IPA via ZUMA Press/dpa)

Franziskus wirbt auf dem G-7-Gipfel für Frieden und warnt vor den Risiken der künstlichen Intelligenz. Giorgia Meloni dient er als Rechtfertigung, das geplante Bekenntnis zum Recht auf Abtreibung zu streichen.

Von Marc Beise, Borgo Egnazia

„Wie viele Divisionen hat der Papst?“, soll der sowjetische Diktator Josef Stalin einst abschätzig gefragt haben, und militärisch abgerüstet wird die Bemerkung bis heute gerne wiederholt. Der Papst selbst erlebt seine realpolitische Machtlosigkeit gerade schmerzlich im Angesicht der Kriege in der Ukraine und in Nahost. Franziskus leidet körperlich an dem Sterben hier wie da, er möchte es beendet sehen, ohne Rücksicht darauf, wer welche Schuld trägt oder wer welche Interessen hat.

Für diese pazifistische Position erntet er viel Kritik, Unverständnis oder auch Spott. Er macht aber unbeirrt weiter, wie der 87-Jährige überhaupt, soweit man das von außen beurteilen kann, sich mit zunehmendem Alter immer weniger dafür interessiert, ob er mit seinen Äußerungen aneckt oder nicht. Trotzdem hat sein Wort weiterhin Gewicht, und es ist faszinierend zu sehen, wie er den G-7-Gipfel in Apulien aufgemischt hat. Dass er an diesem Freitag mit dem Hubschrauber von Rom herübergeflogen kommen würde, war von Anfang an eines der großen Themen des Gipfels, ihn gewonnen zu haben, galt als „Scoop“.

Italien kippt Recht auf Abtreibung aus der G-7-Erklärung

Nebenbei diente der Papst dem Meloni-Lager auch als willkommene Rechtfertigung für einen kleinen Eklat, über den Meloni vor allem mit dem Franzosen Macron aneinandergeriet, aber letztlich allein gegen alle stand. Meloni hat als Gastgeberin verhindert, dass im Abschlussdokument das klare Bekenntnis zum Recht auf Abtreibung und die damit verbundene Gesundheitsversorgung vom Vorgipfel in Japan erneuert wurde. So etwas könne man dem Papst, wenn man ausgerechnet ihn eingeladen habe, nicht zumuten, hieß aus dem Meloni-Lager, aber es ist klar, dass sich dieses Bekenntnis auch nicht mit Melonis eigenen Überzeugungen vertragen hätte. Als Macron das Fehlen der Klausel bedauerte, konterte die Italienerin kühl, der Kollege wolle hier doch hoffentlich keinen Wahlkampf machen.

Der Papst wiederum hat, obwohl gesundheitlich angeschlagen, immer ein volles Programm. Im Vatikan hatte er am Morgen noch rund 100 Comedians aus aller Welt empfangen, darunter bekannte US-Talkmaster wie Jimmy Fallon und die Schauspielerin Whoopi Goldberg, die in den „Sister Act“-Filmen eine falsche Nonne spielte. Aus den deutschsprachigen Ländern waren laut Vatikan-Angaben unter anderen Michael Mittermeier, Hazel Brugger und Torsten Sträter dabei. Der Papst alberte mit den Künstlern herum und zollte ihnen seinen Respekt: „Inmitten so vieler düsterer Nachrichten, inmitten so vieler sozialer Notlagen, habt ihr die Macht, Heiterkeit und ein Lächeln zu verbreiten“, sagte Franziskus, ehe er nach Apulien flog und dort unmittelbar mit mindestens zehn Einzelgesprächen auf höchstem Niveau begann.

Der Papst hat keine Divisionen, aber er ist immerhin das absolutistisch regierende Oberhaupt einer Gemeinschaft, die aus 1,4 Milliarden Mitgliedern besteht, in maßgeblichen Teilen der Welt übrigens mit starken Zuwachsraten, wenn auch nicht in Europa und namentlich nicht in Deutschland. Bei den Gesprächen mit den Staats- und Regierungschefs, zu denen sich der Vatikan traditionell nicht äußert, ging es um die Kriege, das ließ sich Franziskus nicht nehmen, auch wenn ihm Meloni ein auf den ersten Blick eher technisch anmutendes Thema zugewiesen hatte. Der Papst sollte über Chancen und Gefahren der künstlichen Intelligenz sprechen. Die breitet sich weltweit rasant aus, greift immer stärker und auf allen Ebenen in die gesellschaftlichen Prozesse ein, aber die Politik hat noch keinen Plan, wie sie damit umgehen will, schon gar nicht international konzertiert.

Den Papst treibt das Thema schon länger um. Als er es in seiner Rede zum katholischen Weltfriedenstag am 1. Januar 2024 an prominente Stelle setzte, fragten sich manche, was das nun solle, aber es war wohlbedacht. Der Papst sorgt sich um ethische Standards, wenn die KI übernimmt. Er warnt vor einer „technologischen Diktatur“ und fordert ein internationales Abkommen zur Entwicklung und zum Einsatz der neuen Technik. In der G-7-Runde sprach Franziskus von einem „faszinierenden und zugleich unheimlichen Instrument“, das die sozialen Beziehungen und sogar „unsere Identität als Menschen“ zunehmend beeinflussen werde. Und man kann natürlich auch fragen: Was wird in einer von KI dominierten Welt aus dem Glauben – und aus der Kirche?

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