Süddeutsche Zeitung

Pandemie:Schulen vermissen Corona-Konzepte

Der unbedingte Wille der Politik, den Präsenzunterricht zu erhalten, führt zu Hektik bei Lehrervertretern und zu immer mehr Quarantänefällen unter Schülern

Von Susanne Klein, München

Der Deutsche Lehrerverband warnt angesichts hoher Corona-Infektionszahlen vor kaum noch steuerbaren Unterrichtsbedingungen an Schulen. "Die Schulen können auf die Dynamik nur noch hektisch reagieren, viele kommen mit ihrer Planung nicht mehr hinterher", sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger am Mittwoch.

Der Lehrerpräsident fordert, dass Schulen bei Bedarf zwischen Präsenz- und Fernunterricht wechseln können - etwa wenn viele Lehrkräfte in Quarantäne seien. Meidinger kritisierte dabei scharf die Haltung einiger Kultusministerien: "Die Politik differenziert nicht genug. Schulen offen zu halten, versteht sie als kompletten Präsenzunterricht für komplette Klassen." Es fehle an klugen, flexiblen Antworten auf die Situation vor Ort. So sei für ältere Schüler ein "Wechselbetrieb gar kein Problem".

Auch die SPD-Vorsitzende Saskia Esken befürwortete am Mittwoch ein Wechselmodell mit kleineren Lerngruppen. Die Bundesländer sollten dies flächendeckend ermöglichen. Während in Niedersachsen bereits Schulen auf den Wechselbetrieb umschalten, versuchen andere Bundesländer aber, geteilte Klassen zu vermeiden.

Bereits am späten Dienstag hatte der Lehrerverband auf die Probleme der Schulen hingewiesen. Mehr als 300 000 von insgesamt elf Millionen Schülern und bis zu 30 000 der 800 000 Lehrer seien schätzungsweise zurzeit in Quarantäne. Die Folge seien immer mehr Schulschließungen. "Wir erleben an den Schulen jetzt einen Salami-Lockdown", sagte Meidinger der Zeitung Bild. Fast alle Bundesländer hätten die Hygienestufenpläne, die bei hohen Inzidenzwerten geteilte Klassen und Mindestabstände vorsehen, beiseite gelegt, sagte der Lehrerpräsident der Süddeutschen Zeitung. Abgesehen von der Maskenpflicht erfolge "überhaupt keine Prävention mehr ".

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte der Süddeutschen Zeitung, sie habe Hoffnung, "dass der Teillockdown wirkt - und damit auch positive Folgen für die Schulen hat." Dabei sei die Entscheidung, mit welchen Maßnahmen man den Schulbetrieb stabilisiere, von den Ländern und aber letztlich auch an jeder Schule selbst zu treffen.

Die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Quarantäne sei "trotz der jüngsten Zunahmen, verglichen mit der Gesamtzahl der Schülerinnen und Schülern an allgemeinbildenden Schulen, zum Glück immer noch überschaubar", so Karliczek. Für die betroffenen Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern sei eine Quarantäne natürlich eine Belastung, "weil dies immer wieder mit der Sorge verbunden ist, ob sie selbst erkranken", betonte sie. Wichtig sei nun, dass die Infektionswelle insgesamt gebrochen werde. "Denn Schulen existieren nicht in einer Glaskugel", sagte Karliczek dazu.

Ungeachtet aller Kritik lehnte Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer einen Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht erneut ab. NRW wird aber zwei Tage früher als geplant in die Weihnachtsferien gehen. Um den Familien ein möglichst unbeschwertes Weihnachtsfest zu ermöglichen, habe man entschieden, den Schülern am 21. und 22. Dezember freizugeben, sagte Gebauer am Mittwoch dem WDR. Der Beschluss könnte nun auch in die Debatte zwischen Länderchefs und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am kommenden Montag einfließen.

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