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Tübingen:Palmer: Senioren sollen nur noch morgens einkaufen

Boris Palmer
(Foto: Tom Weller/dpa)

Tübingens Oberbürgermeister will FFP2-Masken an ältere Bürger verteilen und bittet Jüngere, aus Rücksicht vormittags die Geschäfte zu meiden. In der Risikogruppe ist das nicht allen recht.

Von Claudia Henzler, Tübingen

Als das öffentliche Leben im Frühjahr zum ersten Mal heruntergefahren wurde, hat sich Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) viel Kritik eingehandelt, als er vorschlug, dass Senioren und Risikogruppen "aus dem Alltag herausgenommen" werden sollten. Die Allgemeinheit solle wieder uneingeschränkt am öffentlichen Leben teilnehmen dürfen, forderte er, während man Menschen über 65 in Quarantäne schicken müsse. Die Idee hat sich nicht durchgesetzt. Als die Stadt dann alle Senioren mit einer Alltagsmaske ausstattete, erntete Palmer Spott: Damit würden ja hauptsächlich die Menschen geschützt, denen die Maskenträger begegnen.

Nun hat Palmer eine neue Initiative ergriffen. In spätestens zwei Wochen soll bei allen Bürgern, die 1955 oder früher geboren wurden, eine FFP2-Maske im Briefkasten liegen. Außerdem hat die Stadt Tübingen am Sonntag einen Appell veröffentlicht, in dem sie jüngere Bürger bittet, nicht mehr zwischen 9.30 Uhr und 11 Uhr einkaufen zu gehen. Dieses Zeitfenster solle den Covid-19-Risikogruppen überlassen werden. Ältere Bürger sollten sich zusätzlich schützen: "Wir bitten alle, die fit genug sind, nicht den Bus, sondern das Fahrrad zu nutzen, auch wenn es jetzt kälter wird." Alternativ gibt es die Möglichkeit, für wenig Geld ein Anrufsammeltaxi zu benutzen.

"Ältere Menschen werden stigmatisiert"

Der Vorsitzende des Landesseniorenrats kritisierte Palmers Strategie: "Es ist völlig unangemessen, solche Kohorten beim Einkaufen zu bilden", sagte Uwe Bähr. "Ältere Menschen werden auf diese Weise stigmatisiert. Ein Einkauf ist zudem auch die Möglichkeit für Senioren, am gesellschaftlichen Alltag teilzunehmen und einen sozialen Kontakt zu pflegen." Die Senioren-Union der CDU Baden-Württemberg bezeichnete Palmers Appell als "nicht angebracht" und "bevormundend".

Tübingens Handel- und Gewerbeverein unterstützt den Aufruf, ein Zeitfenster für Risikogruppen freizuhalten, übrigens nicht. Im April habe sich gezeigt, dass es gegen dieses Modell viele Bedenken gebe, sagt Vorstandssprecher Stephan Braun. Die Ladenbesitzer würden bei Bedarf lieber private Termine mit einzelnen Kunden vereinbaren.

Das Sammeltaxi soll helfen, Kontakte zu reduzieren

Uwe Liebe-Harkort, Vorsitzender des Tübinger Stadtseniorenrates, hält den Appell dagegen für sinnvoll. Es handle sich ja nicht um eine Vorschrift, und das Sammeltaxi helfe, Kontakte zu reduzieren. Insbesondere begrüßt er aber, dass die Stadt ankündigt, alle Pflegeheime mit Schnelltests für Besucher auszustatten.

Dass Palmer Tübingen bei diesem Thema als "Vorreiter" bezeichnet, ist jedoch falsch. Die Stadt Stuttgart hat bereits Mitarbeiter von 23 Pflegeheimen geschult und 15 000 Testkits für Besucher verteilt.

© SZ/rop/zoc
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