Über Wochen war spekuliert worden, ob Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer trotz seines Austritts bei den Grünen Teil einer Landesregierung unter Führung von Grünen-Politiker Cem Özdemir werden könnte. Nun ist klar: Wird er nicht. Er habe mit Özdemir über das Thema gesprochen und ihm gesagt, dass er Oberbürgermeister in Tübingen bleibe, sagte Palmer der Deutschen Presse-Agentur.
Zunächst hatten Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten berichtet. Über die Gründe für seine Entscheidung wollte Palmer den Zeitungen gegenüber nichts sagen. „Ich sehe keinen Grund, weshalb ich begründen müsste, weshalb ich das Amt, das mir die Bürger anvertraut haben, für volle acht Jahre ausfülle. Das erschließt sich von selbst.“

Boris Palmer:Der Mann, der Fantasien beflügelt
Der Tübinger OB ist bisher eher als Polarisierer aufgefallen. Doch jetzt, nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg, wird er als Brückenbauer gehandelt – zwischen Grünen und CDU.
Im Wahlkampf hatte Özdemir immer wieder die Nähe zu Palmer gesucht. Bei gemeinsamen Auftritten lobte Özdemir den inzwischen parteilosen Kommunalpolitiker Palmer häufig. Dieser gehöre zu den erfolgreichsten Oberbürgermeistern in ganz Deutschland, sei durchsetzungsstark und führe sein Rathaus hocheffektiv und unbürokratisch. Palmer sei für ihn ein „sehr, sehr wichtiger Ratgeber“.
Palmer hatte sich kurz nach dem knappen Wahlsieg Özdemirs selbst offen für einen Jobwechsel gezeigt. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, nochmal etwas anderes zu machen, sagte Palmer der Südwest Presse: „Wenn Sie mich so offen fragen: Ja, ich bin 53 und kann mir durchaus vorstellen, beruflich auch noch andere Aufgaben zu übernehmen.“ Es gehe für die Grünen nun darum, Vertrauen zur tief verletzten CDU aufzubauen, um eine Fortsetzung der Koalition zu organisieren, so Palmer. Dabei könne er helfen.
Bei der Wahl am 8. März hatten die Grünen mit 30,2 Prozent knapp Platz eins vor der CDU mit 29,7 Prozent erreicht. Im neuen Landtag kommen aber beide Fraktionen auf jeweils 56 Mandate – eine seltene Pattsituation. Eine Fortführung der Koalition aus Grünen und CDU ist derzeit die einzig realistische Regierungsoption, weil die CDU eine Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch ausschließt. Grüne und CDU regieren bereits seit 2016 gemeinsam.
Führende Grüne wünschen sich eine Rückkehr Palmers in die Partei
Auch viele Bürger hatten sich wenige Wochen vor der Wahl offen für einen Posten für Palmer gezeigt. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur ergab, dass sich mehr als ein Drittel der Menschen im Südwesten wünscht, dass Palmer nach der Landtagswahl eine Rolle auf Landesebene spielt. 39 Prozent gaben an, Palmer solle nach der Wahl ein Amt in der Landespolitik bekommen.
Palmer war zu Beginn seiner Karriere Landtagsabgeordneter und ist seit 2007 Oberbürgermeister von Tübingen. Er war bereits als möglicher Nachfolger von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) gehandelt worden, bevor er 2023 nach mehreren Skandalen bei den Grünen austrat. Über Palmers Rolle gibt es seit längerem immer wieder Diskussionen. So hatte sich der 53-Jährige selbst offen für eine Rückkehr zu den Grünen gezeigt. Auch führende Köpfe der Grünen hatten immer wieder Signale der Annäherung gesendet. Özdemir hatte schon vor längerer Zeit gesagt, er würde sich wünschen, dass es für Palmer einen Weg zurück in die Partei gebe. Ministerpräsident Kretschmann hatte gesagt: „Es wäre schön, wenn er wieder zurückkehrt.“
In anderen Teilen der Partei kommt Palmer aber weiterhin nicht gut an. Die Grüne Jugend hatte Özdemir nach dem Wahlsieg direkt aufgefordert, Palmer keinen Posten zu geben. Grünen-Bundesparteichef Felix Banaszak äußerte sich ebenfalls zurückhaltend. „Ich glaube, es gibt gute Gründe, warum er nicht mehr Mitglied bei den Grünen ist.“ Zwischen Palmer und der Partei gebe es offensichtlich eine Entfremdung.

