Palästina:Getuschel in Gaza

Khaled Meshaal (C) waves to Palestinian students

Khaled Meschal will bei einer Neuwahl nicht mehr als Chef des Politbüros kandidieren. Mutmaßlich schielt er auf den Präsidentenposten.

(Foto: Mohammed Saber/dpa)

Es geht ein Raunen durch den Gazastreifen. Ismail Hanija könnte der neue politische Chef der Hamas werden. Heimlich ist er dafür nach Katar verschwunden.

Von Peter Münch, Gaza-Stadt

Sein Haus sticht heraus aus dem schäbigen Einheitsgrau des Schati-Flüchtlingslagers. Hoch ragt es auf, strandnah ist es gelegen - und natürlich immer scharf bewacht. Ismail Hanija, der frühere Hamas-Ministerpräsident des Gazastreifens, hat hier in einigem Luxus residiert. Doch nun steht sein Haus leer. Nur ein einsamer Polizist sitzt noch gelangweilt herum. Hanija aber hat Gaza mitsamt seiner Großfamilie verlassen. Er soll sich in Katar aufhalten, am Exilsitz der Hamas, und sich dort auf große Führungsaufgaben vorbereiten. Alle tuscheln sie darüber im palästinensischen Küstenstreifen. Doch niemand wagt es, öffentlich darüber zu reden.

Personalien sind bei der Hamas meist Geheimsache und begleitet von einem großen Raunen. Die Islamisten-Organisation stellt nun schon seit fast zehn Jahren die Regierung in Gaza. Doch im Inneren funktioniert sie immer noch wie eine Untergrundtruppe. Bekannt wurde im September allein, dass Khaled Meschal bei einer Neuwahl nicht mehr antreten will als Chef des Politbüros. Nach 20 Jahren an der Hamas-Spitze hält er sich vermutlich bereit, um bei einer Präsidentenwahl in den Palästinensergebieten für die Nachfolge von Mahmud Abbas zu kandidieren. Dass nun Hanija heimlich aus Gaza verschwunden ist, gilt als sicheres Indiz dafür, dass er auf Meschals Posten vorrücken soll. Denn traditionell wird die Hamas von einem sicheren Exilsitz aus geführt. Die Führungsaufgaben im Gazastreifen hat im Gegenzug bereits ein früherer Exilfunktionär namens Imad al-Alami übernommen. Natürlich auch das nur inoffiziell und im Geheimen.

Exil und Geheimhaltung in Personalfragen sind langer Erfahrung geschuldet. So war zum Beispiel der Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin im Frühjahr 2004 im Gazastreifen von einer israelischen Rakete zerfetzt worden. Sein Nachfolger Abdel Asis al-Rantisi starb kurz nach seiner Beförderung. Und der Anführer des militärischen Arms der Hamas, Kassam-Brigaden-Chef Mohammed Deif, hat wahrscheinlich schon aufgehört die Anschläge auf sein Leben zu zählen. Je weniger nach außen dringt, desto sicherer fühlen sich die Hamas-Funktionäre.

"So sind die Regeln, und erstaunlich ist das doch wirklich nicht", sagt Ahmed Yousef. Der 66-Jährige gehört zu den Gründervätern der Hamas und amtiert heute als Chef einer Stiftung namens "Haus der Weisheit". In dieser Funktion kann er Botschaften der Hamas nach außen geben, ohne dass die Hamas selbst spricht. Die Klärung der Führungspersonalien wird ihm zufolge "noch drei oder vier Monate" dauern. Zunächst müsse eine Schura, ein Rat, gebildet werden, der dann das neue Politbüro wähle. Aus diesem Kreis werde dann der künftige Politbüro-Chef bestimmt. Dass dies Hanija sein soll, will er nicht bestätigen. "Er muss genau wie alle anderen noch den ganzen Prozess durchlaufen", sagt er.

"Manchmal brauchst du die Kalaschnikow, manchmal eine politische Lösung."

Deutlicher wird Yousef allerdings bei der Antwort auf die Frage, was von der neuen Hamas-Führung zu erwarten sein wird: "Ich bin mir sicher, dass sich eine neue politische Agenda eröffnen wird." Konkret gehe es darum, "wie man auf den Konflikt schaut und wie man auf die Weltgemeinschaft schaut". Er empfiehlt der Welt einen Dialog mit der Hamas, die nicht nur in Israel, sondern auch in den USA und Europa als Terrororganisation geführt wird. Als Abkehr vom bewaffneten Kampf will er das allerdings nicht verstanden wissen. "Manchmal brauchst du die Kalaschnikow, manchmal eine politische Lösung", sagt er. "Man muss immer sehen, was gerade effektiver ist." Doppelbotschaften gehören seit jeher zum rhetorischen Repertoire der Hamas. Tatsächlich aber könnte nun eine Öffnung lebenswichtig werden für die Organisation, die durch den arabischen Aufruhr zunehmend isoliert ist. Die Drähte nach Kairo, nach Damaskus und nach Teheran sind weitgehend gekappt, als Verbündete sind allein die Türkei und Katar geblieben.

Der neue Chef des Politbüros wird also viel Aufbauarbeit betreiben müssen, und auf diese anspruchsvolle Aufgabe bereitet sich Hanija nun offenkundig in Katar vor. Er gilt als volksnah, als einer, der bei Ansprachen in der Moschee den Ton trifft. Ein besonderes diplomatisches Geschick ist ihm bisher allerdings noch nicht nachgesagt worden.

© SZ vom 25.11.2016
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