Pakistanische Kinderrechtsaktivistin spricht vor UN Malalas Waffe heißt Wissen

Die Taliban schossen ihr in den Kopf, doch die pakistanische Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai überlebte. Heute wurde sie 16 Jahre alt - und verkündete vor den Vereinten Nationen klar und eindringlich ihre Botschaft.

Von Carina Huppertz

Die Stimme von Gordon Brown zittert, als er das "mutigste Mädchen der Welt" ankündigt. Der britische Ex-Premier hat feuchte Augen. Malala Yousafzai bekommt das Wort. Zuerst muss sie auf ein Podest am Rednerpult steigen - so klein ist das Mädchen. Malala mag zierlich sein und schüchtern wirken, doch ihre Rede ist klar und eindringlich: "Es gab Zeiten, in denen Frauen die Männer baten, sich für ihre Rechte einzusetzen. Aber jetzt machen wir das selber", sagt das Mädchen mit fester Stimme. "Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern."

So redet ein Mädchen, das an diesem Tag 16 Jahre alt geworden ist. Fast 1000 Menschen aus etwa 100 Ländern hören, wie Malala Rechte für alle fordert - vor allem das Recht auf Bildung für Frauen. Extra für diesen Tag wurde in der Generalversammlung der Vereinten Nationen ein Zusammentreffen von jungen Delegierten veranstaltet. Unter den Zuhörern ist auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Ein ungewöhnlich großer Rahmen für ein Kind - und doch passend, denn dass Malala ihren Geburtstag erlebt, grenzt an ein Wunder.

Am 9. Oktober 2012 hätte sie sterben sollen, zumindest nach dem Willen der Taliban. An jenem Tag sitzt sie wie gewohnt im Bus und fährt von ihrer Mädchenschule im nordpakistanischen Swat-Tal nach Hause. Plötzlich hält ein maskierter Mann den Bus an. Er will Malala umbringen. Vier Schüsse gibt er ab. Ein Projektil trifft Malala hinter ihrem linken Auge, es verletzt den Kiefer und bleibt über ihrem Schulterblatt stecken.

Die damals 15-Jährige wird sofort in ein Krankenhaus gebracht. Die Europäer schalten schnell: Eine Woche später wird das Mädchen nach Großbritannien ausgeflogen. Im Queen Elizabeth Hospital in Birmingham versorgen Spezialisten die Schwerverletzte. Sie setzen ihr eine Titanplatte in den Kopf. Malala hat Glück: Die Kugel hat ihr Gehirn nur gestreift. Ihre Genesung macht schnell Fortschritte. Im Februar zeigt sie sich in einem Video und sagt: "Mir geht es besser."

Attentate gehen weiter

In Pakistan bekannten sich kurz nach der Tat die Taliban zu dem Angriff. Malala war in ihr Visier geraten, weil sie einen Blog auf der Internetseite der BBC schrieb. In der Landessprache Urdu berichtete sie darin über ihr Leben als Schulmädchen in einer Region, die unter der Herrschaft der Taliban stand. Die fanatische Gruppe hatte viele Mädchenschulen geschlossen, weil sie ihrer Meinung nach gegen die muslimische Lehre verstoßen.

Der erste Eintrag auf Malalas Blog erschien am 3. Januar 2009. Darin schrieb die damals Elfjährige: "Ich habe Angst, zur Schule zu gehen, weil die Taliban angeordnet haben, dass alle Mädchen von den Schulen ausgeschlossen werden müssen. Nur elf von 27 Mädchen waren heute da." Malala ging trotzdem weiter in den Unterricht - und bloggte darüber, drei Monate lang. Zur Sicherheit schrieb sie unter dem Pseudonym einer pakistanischen Volksheldin.

Während sie schrieb, startete das pakistanische Militär eine Offensive. Es verdrängte die Taliban und gewann die Kontrolle über die Region im Norden des Landes zurück. Malalas Vater fühlte sich sicher, darum verriet er wenig später, dass seine Tochter die BBC-Bloggerin sei. Malala wurde berühmt, 2011 erhielt sie den ersten Friedenspreis der pakistanischen Regierung für Jugendliche. Sie wurde zu einer Symbolfigur für den Kampf von Mädchen um ihr Recht auf Bildung.

Ein Recht, dass die radikalislamischen Taliban den Frauen im Land absprechen. Nach dem Attentat auf Malala verkündeten sie, der Angriff solle eine Warnung an alle Mädchen sein, die zur Schule gehen. Zwar hat die pakistanische Armee die Fundamentalisten zurückgedrängt, doch die Gruppe und ihre Sympathisanten erschüttern die Region mit Anschlägen - sie halten bis heute an.

Vor allem Mädchen und Frauen, die zur Schule gehen, werden immer wieder Opfer von Angriffen. Erst im Juni hatten Attentäter in der Stadt Quetta im Westen Pakistans einen Bus gesprengt, der die einzige reine Frauen-Universität des Landes verließ. 13 Studentinnen starben, viele wurden verletzt. Wenig später attackierten die Angreifer das Krankenhaus, in das die Verletzten gebracht wurden. Zu den Anschlägen bekannte sich eine sunnitische Extremistengruppe. Im März wurde Shahnaz Nazli, Lehrerin an einer Mädchenschule, in der nordwestlichen Stadt Shahkas aus nächster Nähe erschossen.

Die Anschläge sollen einschüchtern, Mädchen davon abhalten, Schulen und Universitäten zu besuchen. Doch mit dem Attentat auf Malala Yousafzai erreichten die Taliban das Gegenteil. Anstatt sie zum Schweigen zu bringen, haben sie ihrer Stimme weltweit Gehör verschafft.