Süddeutsche Zeitung

Pakistan:Cricket-Legende Khan fordert die CIA heraus

Nicht schon wieder, werden sie im CIA-Hauptquartier in Langley stöhnen. Erneut ist ein US-Bürger als CIA-Stationsleiter in Islamabad enttarnt worden - dieses Mal von der Partei der Cricket-Legende Imran Khan. Dahinter steckt der Streit in Pakistan um Drohnenangriffe der Amerikaner und den Umgang mit den Islamisten.

Von Johannes Kuhn

Viele Bewerbungen dürften für diesen Job nicht mehr eingehen, denn die Zeiten sind schlecht für CIA-Agenten in Islamabad: Erneut ist die Identität des CIA-Chefs in Pakistans Hauptstadt enttarnt worden - und dieses Mal gewissermaßen offiziell.

Was ist passiert?

Die pakistanische Oppositionspartei Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI) hat den Namen des mutmaßlichen Station chiefs der CIA in Pakistan veröffentlicht. Mehr noch: Die Partei des ehemaligen Cricket-Stars Imran Khan hat zugleich in einem Brief die pakistanische Polizei dazu aufgefordert, dem Mann die Ausreise zu verweigern und ihn vor ein Gericht zu stellen. Er und CIA-Direktor John O. Brennan hätten "Morde verübt und Krieg gegen Pakistan geführt".

"Krieg gegen Pakistan" - was ist damit gemeint?

Es geht um den amerikanischen Drohnenkrieg. Die PTI wirft der CIA vor, die gezielten Tötungen von Islamisten in den Grenzregionen Pakistans aus der US-Botschaft in Islamabad zu steuern. Weil bei den Einsätzen auch Zivilisten ums Leben kommen (über die Zahlen gibt es unterschiedliche Angaben) und sie die Souveränität Pakistans verletzen, sind die Angriffe im Volk verhasst.

Was ist das Motiv, den Mann zu enttarnen?

Es hat beinahe Tradition, CIA-Residenten in Pakistan zu identifizieren: Bereits 2010 hatten zwei pakistanische Medien den Namen des damaligen CIA-Büroleiters Mark Carlton veröffentlicht, worauf dieser Berichten zufolge fliehen musste. Die Nennung galt als Retourkutsche für die Geheimoperation zur Tötung Osama bin Ladens auf pakistanischem Boden.

Auch dieses Mal geht es um eine "Bestrafung", wie PTI-Chef Khan selbst sagt. Am 21. November hatte ein Drohnenangriff auf eine Koranschule in der Nähe der afghanischen Grenze sechs Menschen getötet und mehrere verletzt. In der Madrasa sollen Mitglieder des radikalislamischen Hakkani-Netzwerks verkehrt haben. Die Terrorgruppe gilt als Verbündete von Taliban und al-Qaida und soll für zahlreiche Anschläge in der Grenzregion verantwortlich sein. Bei dem Angriff auf die Koranschule wurden nach pakistanischen Angaben auch Schüler getötet.

Welche Rolle spielt die PTI in Pakistan?

Imran Khan ist eine Legende, der sich als Anti-Establishment-Politiker und Kämpfer gegen die grassierende Korruption präsentiert. Seine Partei erhielt in den Parlamentswahlen im Frühjahr die zweitmeisten Stimmen. Inzwischen ist der Kampf gegen die Drohneneinsätze ein wichtiger Teil seines politischen Programms.

In den vergangenen Wochen hat die PTI ihre Kritik noch einmal verstärkt, Großdemonstrationen organisiert und damit gedroht, seine Anhänger die wichtige Nato-Nachschubverbindung zwischen Pakistan und Afghanistan blockieren zu lassen.

Die Enttarnung des CIA-Mannes passt in die Strategie Khans, die nicht nur in diesem Punkt umstritten ist. Seine Partei plädiert auch für eine Beteiligung der Taliban an der Politik.

Die Taliban als akzeptierter politischer Akteur - ist das nicht unrealistisch?

Nicht ganz. Auch die Regierung lotet derzeit aus, ob Frieden mit den radikalen Islamisten zu machen ist. Im Jahr 2014 verlassen die Nato-Truppen Afghanistan, dies dürfte die Region destabilisieren. Ministerpräsident Nawaz Sharif befürchtet, dass die Situation in den Grenzregionen chaotisch wird. Da Islamabad in Gegenden wie den Stammesgebieten in Nord-Waziristan nur geringen Einfluss hat, braucht er die Taliban, um das zu verhindern.

Wie steht die Regierung zu den Drohnen-Einsätzen?

Das ist schwer zu sagen. Bislang war die Taktik immer diese: Öffentliche Verurteilung, heimliche Zustimmung. Beobachter gehen davon aus, dass die Amerikaner auf Unterstützung aus pakistanischen Sicherheitskreisen angewiesen sind, um die Zielkoordinaten für die Drohnenangriffe zu bekommen.

Inzwischen aber weiß auch Sharif, dass die Angriffe die Verhandlungen mit den Taliban sabotieren. Anfang November tötete eine Drohne den pakistanischen Taliban-Führer Hakimullah Mehsud, der für den Tod vieler Zivilisten im Grenzgebiet und westlicher Soldaten in Afghanistan verantwortlich gemacht wird. Die Taliban sagten daraufhin erste geplante Gespräche ab.

Wie geht es jetzt weiter?

Es ist unklar, ob die Polizei den mutmaßlichen CIA-Mann wirklich mit einem Ausreisebann belegt und verhaftet. Offiziell dürfte der Amerikaner als Diplomat gemeldet sein, obwohl die PTI argumentiert, als CIA-Mitarbeiter genieße er keine Immunität. Washington und Islamabad dürften versuchen, ein ähnliches Debakel wie 2011 zu verhindern.

Damals hatte die Polizei einen CIA-Mann in der Millionenmetropole Lahore verhaftet, nachdem dieser zwei Pakistaner auf offener Straße erschossen hatte. Die USA pochten zunächst auf seine Immunität, schließlich einigte man sich auf eine Entschädigungszahlung nach Scharia-Recht, der Mann durfte ausreisen. Am wahrscheinlichsten ist, dass der nun enttarnte CIA-Chef das Land sehr schnell verlassen wird.

Für das Wochenende haben Khan und seine Partei unterdessen Straßenproteste in der Provinzhauptstadt Peschawar angekündig. Man wolle zeigen, "dass wir ehrenhafte Menschen sind", wird Khan zitiert.

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