Pakistan Asia Bibi kommt endgültig frei

Die Justiz hält an ihrem Urteil fest und beendet den Prozess gegen die Christin. Die Richter widerstanden dem Druck von Regierung und radikalislamistischen Kräften.

Von Arne Perras, Singapur

Das Verfassungsgericht in Pakistan hat seinen Freispruch für die verfolgte Christin Asia Bibi aufrechterhalten und somit den Weg für die Ausreise der 51-jährigen Mutter von vier Kindern geebnet. "Wir werden den Fall nicht noch einmal aufrollen", bekräftigte der Vorsitzende Richter Asif Saeed Khosa bei einer Anhörung in Islamabad. Er wies damit einen Berufungsantrag ab, den die pakistanische Regierung unter dem Druck von Islamisten zugelassen hatte.

Der Fall Bibi löste im Herbst Unruhen aus, weil radikalislamische Gruppen forderten, die Christin müsse trotz des Freispruchs an den Galgen gebracht werden. Demonstranten randalierten, blockierten Highways und verlangten, dass ein früheres Todesurteil gegen die Christin aufrechterhalten werden müsse. Die Regierung beugte sich schließlich den Protesten, indem sie eine juristisch fragwürdige Petition an das Gericht zuließ. Demnach sollte das Gericht das Verfahren noch einmal neu aufrollen. Mit diesem Antrag hatten sich die Richter nun am Dienstag befasst - und ihn verworfen.

"Ich bin wirklich dankbar, dass nach neun Jahren bestätigt wurde, dass ich frei bin und dass ich meine Töchter umarmen werde", hatte ein Freund die Christin Bibi nach ihrem Freispruch zitiert, der Staat musste sie jedoch vorerst an einem geheimen Ort verstecken, um sie vor gewalttätigen Übergriffen zu schützen.

Die Mutter von vier Kindern war 2009 nach einem Streit unter Nachbarn der Gotteslästerung beschuldigt worden. Frauen aus ihrem Dorf bezichtigten sie, sie hätte den Propheten beleidigt, ein Gericht verurteilte sie daraufhin im Herbst 2010 zum Tode. Seither musste sie um ihr Leben bangen, obwohl das Verfahren von Anfang an äußerst fragwürdig war.

Unklar war zunächst, wann Bibi ausreisen kann. In Pakistan schwebt sie wohl in Lebensgefahr

Erst 2018 befanden die obersten Richter des Landes, dass es keine Beweise für Bibis Schuld gebe, sie entlarvten manipulierte Vorwürfe und Falschaussagen in früheren Verfahren.

Menschenrechtler begrüßten am Dienstag die erneute Bekräftigung des Freispruchs. "Die Regierung muss ihr jetzt erlauben, gemeinsam mit ihrer Familie in ein Land ihrer Wahl auszureisen", forderte Amnesty International. Angesichts der Wut, die islamistische Gruppen gegen die Frau entfachten, ist es für sie äußerst riskant, mit ihrer Familie in Pakistan zu bleiben. Mehrere europäische Staaten und Kanada sollen Bereitschaft signalisiert haben, sie aufzunehmen, doch blieb vorerst unklar, wann sie das Land verlassen kann. Bibis Anwalt Saiful Malook, der im Herbst nach Europa geflohen war, hatte sich entschlossen, Anfang der Woche nach Islamabad zurückzukehren, um seine Mandantin vor Gericht noch einmal zu vertreten. Wie die Zeitungen Express Tribune und Dawn berichteten, machte Richter Khosa deutlich, wie fragwürdig die Zeugenaussagen gewesen seien, die das Todesurteil rechtfertigen sollten. Und dann stellte er die Frage in den Raum: "Sagt der Islam etwa, dass man bestraft werden soll, wenn das Verbrechen nicht bewiesen ist?" Jene, die die Justiz anzweifelten und zur Verfolgung der Frau und der Richter aufriefen, hätten das Urteil vom Herbst gar nicht gelesen, kritisierte Khosa. Wahrheit und Lüge im Namen des Propheten zu mischen, sei auch eine Form der Gotteslästerei, klagte der Richter mit Blick auf jene Kräfte, die sich für die Petition zur Wiederaufnahme stark gemacht hätten.

Nicht nur Bibi, sondern auch die Richter schweben in Lebensgefahr, nachdem islamistische Führer im Herbst erklärten, dass die Juristen wegen des Freispruchs den Tod verdienten. Das Blasphemiegesetz in Pakistan, das die Beleidigung des Propheten unter Todesstrafe stellt, hat international Kritik auf sich gezogen, weil es für politische Zwecke missbraucht wird und islamistischen Gruppen dazu dient, die Verfolgung religiöser Minderheiten zu rechtfertigen.

Unklar blieb zunächst, wie die radikalen Kräfte auf die Entscheidung der Justiz reagieren werden. Tausende Spezialkräfte sicherten das Gericht und die Stadt, um den Ausbruch erneuter Unruhen zu verhindern. Proteste wie im Herbst sollte es nicht mehr geben, erklärte ein Minister der Provinzregierung Punjab. Nach der Entscheidung des Gerichts am Nachmittag blieb zunächst unklar, ob und auf welche Weise radikale Gruppen den Staat erneut zu einer Kraftprobe herausfordern würden.

Trotz des feindlichen Klimas gegen Minderheiten im Land hat es im Fall Bibi stets tapfere Menschen gegeben, die sich für die verfolgte Frau einsetzten. Ein Minister und ein Gouverneur bezahlten das mit ihrem Leben, sie wurden ermordet. Der Staat hat den Islam über Jahrzehnte politisiert und radikale Strömungen genährt. Nun fällt es ihm schwer, diese Kräfte wieder in ihre Schranken zu weisen.