Zum Tode verurteilte Christin Pakistan betreibt ein Verwirrspiel um Asia Bibi

  • Pakistans Regierung betreibt ein Verwirrspiel um das Schicksal der Christin Asia Bibi, die 2010 wegen Blasphemie zum Tode verurteilt wurde.
  • Seit vor einer Woche drei Verfassungsrichter entschieden, dass Bibi aus Mangel an Beweisen nicht gehängt werden dürfe, sorgen radikale Islamisten für Chaos in dem Land.
  • Ihrem Anwalt zufolge hat Bibi nun ihre Zelle im Gefängnis von Multan verlassen und ist an einen anderen Ort gebracht worden.
Von Arne Perras, Singapur

Die verfolgte Christin Asia Bibi in Pakistan muss weiter um ihr Leben bangen. Nur eines scheint sicher: Alle Seiten spielen mit verdeckten Karten, und jeder wartet nervös ab, welchen Zug die Gegenseite wählt. Einigermaßen gesichert scheint die Aussage des geflohenen Anwalts zu sein, wonach die Mutter von fünf Kindern Mittwochnacht ihre Zelle im Gefängnis von Multan verlassen hat und an einen anderen Ort gebracht wurde, unter dem Schutz des Staates. Entscheidend ist nun, wie sich die Machtprobe zwischen Regierung und radikalen Islamisten, die den Tod Asia Bibis fordern, weiterentwickelt. Alle taktieren, was die quälende Ungewissheit für Bibi und ihre Familie nur verlängert.

Unklar ist, ob Bibi mit ihrer Familie auch das Land verlassen darf (oder womöglich schon ausfliegen durfte). In dem von radikalen Islamisten vergifteten Klima wird sie erst dann nicht mehr um ihr Leben fürchten, wenn sie Asyl in einem anderen Staat bekommt und die Regierung sie auch tatsächlich dorthin ausreisen lässt.

Das Außenministerium bezeichnete Berichte, Bibi und ihre Familie seien schon in die Niederlande aufgebrochen, sehr vehement als "Fake News". Der Staat beharrt darauf, dass Bibi immer noch in Pakistan weilt.

Religiöse Hardliner haben zur Rebellion aufgerufen

Die Regierung des Premiers Imran Khan hat in den vergangenen Tagen ein beispielloses Verwirrspiel um das weitere Schicksal der Christin betrieben, die 2010 in die Todeszelle kam. Nach einem Nachbarschaftsstreit wurde ihr damals vorgeworfen, sie habe den Propheten beleidigt, man machte ihr den Prozess. Dass ihr zuvor von einem Mob unter Todesdrohungen ein Geständnis abgepresst worden war, änderte daran nichts. Nach dem drakonischen Blasphemiegesetz in Pakistan droht jedem, der in einem solchen Fall schuldig gesprochen wird, die Todesstrafe. Doch vor einer Woche entschieden drei Verfassungsrichter, dass Bibi nicht gehängt werden dürfe, weil die Beweislage ein Todesurteil nicht zulasse.

Es wurde ihre sofortige Freilassung angeordnet, zu der es dann zunächst nicht kam, weil religiöse Hardliner Straßenproteste organisierten, Highways blockierten, zur Rebellion gegen den Armeechef aufriefen und forderten, dass nicht nur Bibi, sondern auch die drei Richter sterben müssten. Daraufhin handelte die Regierung mit den Hetzern einen Deal aus, der dazu führte, dass Bibi erst einmal im Gefängnis blieb und keine Aussicht auf eine Ausreise hatte.

Ein Sprecher der Hardliner erklärte nun, dass die Regierung mit der Freilassung aus dem Gefängnis bereits die Übereinkunft vom Freitag gebrochen habe. Außerdem hatte die Regierung zugesagt, sie werde eine Petition an das Oberste Gericht nicht blockieren, die eine Art Berufung des Verfahrens vorsieht. Das Ziel der Islamisten ist klar: Sie wollen, dass das vom Gericht gekippte Todesurteil wieder Gültigkeit bekommt, sie wollen, dass Bibi hängt.

Beide Seiten, Regierung und Hardliner, haben mit den Verhandlungen die Fundamente der Justiz stark beschädigt. Es ist der Eindruck entstanden, dass nicht das Oberste Gericht über Recht im Staat entscheidet, das Schicksal der Frau schien verhandelbar, abhängig von geschürten Emotionen und dem Kalkül islamistischer Politiker, die religiöse Gefühle nutzen wollen, um Gefolgschaft hinter sich zu scharen.

Immerhin hat die Regierung Hunderte Festnahmen verfügt gegen angebliche Aufrührer im Fall Bibi. Ob das alles nur Nebelkerzen sind, wird sich noch zeigen. Einerseits steht die Regierung unter dem großen Druck der Hardliner, die der Staat einst selbst nährte und nun nur noch schwer in den Griff bekommt. Andererseits hat der Fall Bibi starke internationale Kritik ausgelöst in einer Zeit, da der Regierung das Geld ausgeht. Islamabad braucht dringend und sehr schnell ein Rettungspaket des Internationalen Währungsfonds, weil es hoch verschuldet ist und kaum noch über Devisenreserven verfügt. Der Verbündete China will Pakistan nicht alleine aus der Misere heben.

Die mörderische Hetze im Fall Bibi und der schwach wirkende Staat sind nicht hilfreich, um die Gunst der internationalen Gemeinschaft zu erwerben. Ohne sie wird es aber kaum breite Unterstützung fürs Budget geben. Könnte Bibi ausreisen, wäre das ein Zeichen, das die Welt begrüßen würde. Doch droht in diesem Falle auch, dass die Wortführer der Islamisten neuen Zorn auf den Straßen schüren. Vieles spricht dafür, dass die Regierung jetzt gezielt möglichst viel Nebel verbreitet, so dass niemand mehr mit Sicherheit sagen kann, wo sie im Fall Bibi eigentlich steht. Für Islamabad hat das einerseits den Vorteil, möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, andererseits aber den Nachteil, schwach und prinzipienlos zu wirken.

Die Armee, die über Pakistans Atomwaffen wacht, hält sich bedeckt in diesem Streit. Auf der sichtbaren Bühne belauern sich weiterhin Regierung und die selbsternannten Wächter des Propheten.

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