Todesurteil gegen Christin Pakistans Regierung gibt Druck der Islamisten nach

Radikale Islamisten in Karachi fordern Rache gegen die Richter, die das Todesurteil gegen die Christin Asia Bibi aufgehoben haben.

(Foto: AFP)
  • Die in Pakistan lebende Christin Asia Bibi wurde 2009 wegen Gotteslästerung angeklagt und ein Jahr später zum Tode verurteilt. Blasphemie gilt in dem streng islamisch geprägten Land als Kapitalverbrechen.
  • In einem aufsehenerregenden Urteil sprach das Oberste Gericht des Landes die Angeklagte am Mittwoch überraschend frei.
  • Radikalislamische Gruppen und Parteien reagierten mit Empörung, in mehreren Städten gab es Demonstration. Wütende Aktivisten riefen zur Rache gegen Richter und Politiker auf.
  • Nach einer entsprechenden Petition könnte das Urteil noch einmal überprüft werden. Bis zu einer neuen Entscheidung darf Bibi das Land nicht verlassen.
Von Arne Perras

Es begann mit einem Becher Wasser. Asia Bibi hatte aus ihm getrunken, weil sie so durstig war. Sie hatte an jenem 14. Juni 2009 Beeren auf dem Feld gepflückt. Die Mittagshitze war drückend, die Arbeit schwer. So holte sie also Wasser vom Brunnen. Bald wollte sie auch die anderen Arbeiterinnen trinken lassen, doch die schrien Bibi nur an. Nie könnten sie aus einem Becher trinken, den zuvor eine Christin benutzt habe, nun sei das ganze Wasser für Muslime unrein. So gerieten die Frauen auf dem Feld aneinander, sie lieferten sich ein hitziges Wortgefecht, wie sich Bibi später erinnerte. Nur dass sie nicht sofort begriff, welche Gefahr dieser Streit für sie noch bedeuten sollte.

Ein Jahr später verhängte ein Gericht ein Todesurteil gegen Bibi. Sie habe an jenem Tag den Propheten beleidigt, lautete der Schuldspruch gegen die Mutter von fünf Kindern. Höchststrafe. Bibi war damals die erste Frau, die wegen Blasphemie gehängt werden sollte. Acht Jahre lang zog sich der brisante Fall hin, er ging durch die pakistanischen Instanzen. Bis in dieser Woche drei Verfassungsrichter das Todesurteil überraschend aufhoben und anordneten, dass die Christin umgehend aus dem Gefängnis zu entlassen sei.

Politik Pakistan Pakistan schickt wegen Protesten Militär in die Städte
Freigesprochene Christin

Pakistan schickt wegen Protesten Militär in die Städte

Nachdem das Todesurteil gegen eine Christin aufgehoben wurde, demonstrieren in mehreren pakistanischen Städten radikale muslimische Gruppen. Soldaten sichern in der Hauptstadt das Parlament und Gerichte.

Bibi, die bei der Verlesung des Freispruchs nicht im Saal saß, konnte die Nachricht, die man ihr per Telefon übermittelte, zuerst nicht glauben. "Ist das wirklich wahr?" fragte die 51-Jährige. "Komme ich nun wirklich raus?"

Dass die oberste Justiz im Fall Bibi Fehler in den früheren Verfahren entlarvte, war eine überraschende Wendung. Für Ashiq Masih, den Ehemann von Bibi, war es ein "Hoffnungsschimmer", wie er in einem Interview sagte. Doch die Hoffnung hielt nicht lange. Seit der Aufhebung des Todesurteils tobten im mehrheitlich muslimischen Pakistan die religiösen Fanatiker. Durch die Straßen marschierten die Hassprediger, sie forderten Bibis Tod und riefen: Tötet die Richter.

Unter dem Druck der radikalen Eiferer könnte das Urteil noch einmal überprüft werden. Auslöser ist eine entsprechende Petition. Bis dahin darf Bibi das Land nicht verlassen. Eine gut unterrichtete Quelle in Pakistan sagte der SZ, Bibi müsse zunächst bis zur Prüfung der Petition "zu ihrem eigenen Schutz unter Polizeigewahrsam bleiben", anders könnte ihr Leben nicht gesichert werden. Ob Bibi damit weiter in Haft bleibt, wurde offiziell weder bestätigt noch dementiert. Allerdings darf die Frau vorerst das Land nicht verlassen "Diese Übereinkunft hätte es niemals geben dürfen", sagt der Ehemann. "Meine Töchter haben sich so danach gesehnt, sie frei zu sehen, aber die Berufung wird das Leid meiner Frau noch einmal verlängern."

Auch der Anwalt verurteilten Christin muss nun sehen, wie er überlebt. Bis zur letzten Minute hat er für Bibis Freiheit gekämpft. Ein mutiger Mann, sagen viele. "Aber tatsächlich habe ich sehr viel Angst", sagt der Verteidiger. Am Wochenende dann die Nachricht, dass er nach Europa geflohen ist. "Ich muss am Leben bleiben, weil ich den Rechtsstreit für Asia Bibi weiterführen muss", sagte er der liberalen pakistanischen Zeitung Dawn.

Der Mob auf der Straße fackelt nicht lange

Bibis achtjähriges Martyrium in der Todeszelle macht deutlich, wie entsetzlich das Leben für Angehörige religiöser Minderheiten in Pakistan geworden ist. Es gilt als sicher, dass die Tagelöhnerin Opfer einer perfiden Dorfintrige wurde. Vorwürfe, sie habe den Propheten beleidigt, sind nie bewiesen worden, Bibi hat dies bestritten. So ist es häufig in Fällen angeblicher Blasphemie: Ein Streit eskaliert, und ein Gerücht ist schnell geschürt. Wer erst mal als angeblicher Gotteslästerer am Pranger steht, schwebt in akuter Lebensgefahr, so ist das in Pakistan, zumal wenn der Verdächtige einer religiösen Minderheit angehört. Der Mob auf der Straße fackelt nicht lange. Und auch Gerichte fügen sich immer wieder dem Druck der Hetzer.

Für Bibi verging seit ihrer Verhaftung kein Tag ohne Angst. Aus der Todeszelle schrieb sie: "Jedes Mal, wenn sich die Tür öffnet, rast mein Herz. Mein Leben ist in Gottes Hand, und ich weiß nicht, was mit mir geschieht. Dies ist eine brutale, eine grausame Existenz."

Immerhin wusste sie, dass es da draußen noch Menschen gab, die für ihr Leben kämpften, einige Anwälte und Politiker, die Mut bewiesen. Einer von ihnen war der Gouverneur von Punjab, ein anderer der Minister für religiöse Minderheiten. Beide wurden 2011 von Radikalen erschossen, weil sie wollten, dass Bibi lebt. Danach war es noch schwerer für die Mutter, in der Zelle durchzuhalten.

Bibi sehnt sich nach Sicherheit. Nur raus aus Pakistan, vereint sein mit ihrer Familie, die schon geflohen ist. Ein neues Leben möchte sie beginnen, an einem Ort, wo man Wasser trinken kann, ohne in der Todeszelle zu landen.

Nach den Ereignissen vom Samstag ist es unwahrscheinlicher geworden, dass dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird.

Politik Pakistan Neustart abgesagt

Pakistan

Neustart abgesagt

Premier Imran Khan hatte ein "neues Pakistan" versprochen. Daraus scheint nichts zu werden: Nun ließ sich der Ex-Cricket-Star nach nicht einmal vier Wochen im Amt von religiösen Hardlinern in die Knie zwingen.   Von Arne Perras