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Pädophilie-Debatte:Vom Skandal zur selbst erfüllenden Prophezeiung

In der Empörungsrepublik wird der Skandal zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung, und die neuen Medien beschleunigen diese Entwicklung dramatisch. Ob Informationen stimmen, wie sie zu bewerten sind - viele digitale Scharfrichter interessiert das am allerwenigsten. Bildungsministerin Annette Schavan etwa ist über eine jahrzehntealte Doktorarbeit gestürzt, von der noch längst nicht eindeutig bewiesen ist, ob sie wirklich ein Plagiat war.

Die Frage ist nur: Entlastet das alles Trittin? Wird alles aufgebauscht? Werden die Grünen ungerecht behandelt, indem man ihnen Jugendsünden vorhält? Keineswegs. Gerade sie, die vom Kantinenessen bis zur Frage, ob "Tatort"-Kommissare die Bürgerrechte verletzen, das Volk gerne erziehen würden, müssen sich an den eigenen Maßstäben messen. Zu Recht kritisierten sie die Kirche und deren Unwillen, den Missbrauch in Klöstern und Heimen aufzuarbeiten. Doch die Grünen selbst hatten Pädophile zu lange toleriert, gar als soziale Bewegung willkommen geheißen.

Trittins Name steht unter einem Wahlprogramm, das vor 32 Jahren "gewaltfreien" Geschlechtsverkehr von Kindern und Erwachsenen straffrei stellen wollte. Diese Angelegenheit ist gewiss weniger gravierend als jene von Daniel Cohn-Bendit, der Phantasien über Sex mit Kindern aufschrieb, was aber nur ein Produkt künstlerischer Phantasie gewesen sei.

Peinlich aber waren die Versuche Trittins und der Partei, die Sache als Geschwätz von gestern kleinzureden. Damit wird das, was vor so langer Zeit Schludrigkeit oder falsche Solidarität war, wieder lebensgroß. Kindesmissbrauch ist eine schwere, widerwärtige Straftat. Es war mehr als eine grüne Jugendsünde, dass sich im Umfeld dieser Partei Päderasten als vom Staat verfolgte Opfer inszenieren durften, sondern es war ein Akt der Unmenschlichkeit im Namen gesellschaftlicher Emanzipation.

Jeder hat das Recht auf Einsicht in Fehler. Gelingt dies, dann muss, was in der Vergangenheit geschah, die Gegenwart nicht dominieren. Nicht wenige junge Parteigänger Hitlers und viele alte SED-Kader sind später gute Demokraten geworden. Wilde Revoluzzer wandelten sich zu pragmatischen Reformern, wie der Polizistenschreck a. D. Joschka Fischer. Aus Grünen mit falschen Verbündeten wurden verdiente Politiker, die mit diesen Verbündeten schon lange nichts mehr im Sinn haben. Wo die Fähigkeit aber gering ist, eigene Fehler zu benennen, bleibt die Vergangenheit wach. Was geht mich mein Gerede von gestern an? Sehr viel.

© SZ vom 18.09.2013/sana

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