bedeckt München 22°

Pädagogische Praxis:Im Labyrinth der Klebebänder

Die Corona-Regeln "widersprechen in vielem dem, was wir hier eigentlich leben wollen": Babette Wöckener, kommissarische Schulleiterin der Grundschule am Paulsberg in Achim.

(Foto: Wiegand/oh)

Wie die Corona-Regeln den Schulalltag für zahlreiche Viertklässler verändern.

13 Uhr, die Schule ist aus, zum ersten Mal seit sieben Wochen. Ein paar Schülerinnen schleichen die Feuertreppe hinunter, eine Handvoll kommt durch den Haupteingang nach draußen. "Abstand halten!", ruft ihnen Babette Wöckener noch hinterher. Sie leitet derzeit die Grundschule am Paulsberg in der niedersächsischen Kleinstadt Achim, der zuletzt wie überall im Land die Schüler abhanden gekommen waren. Am 13. März waren sie zuletzt da, die 160 Kinder der ersten bis vierten Klassen, es war ein Freitag. Dann kam der Bürgermeister persönlich vorbei, es gebe einen Verdachtsfall, die Schule müsse sofort geschlossen werden. Der Verdacht bestätigte sich nicht, aber in der Woche darauf waren dann sowieso alle Bildungseinrichtungen dicht - große Pause, aber richtig.

"Die Kinder waren einfach nur froh, sich wiederzusehen", sagt Babette Wöckener jetzt, am Tag eins danach. In acht Bundesländern ist der höchste Grundschuljahrgang an diesem Montag wieder zum stationären Unterricht einbestellt worden. Neben den Viertklässlern, etwa in Niedersachsen und Hamburg, auch die Sechstklässler in Berlin und Brandenburg, wo die Grundschule länger dauert. Zusammen mit den Schülern, die dieses oder nächstes Jahr ihren Abschluss machen, sind damit Hunderttausende Kinder und Jugendliche zurückgekehrt. Das schülerreichste Bundesland, Nordrhein-Westfalen, lässt sich mit den Viertklässlern bis kommenden Donnerstag Zeit, Bayern und Baden-Württemberg ist auch das noch zu früh.

Immer noch warten also viele Eltern auf Entscheidungen, wann und wie es für ihre Kinder in Schulen und Kitas weitergeht. Am Mittwoch, beim nächsten Treffen zwischen der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten, sollen Entscheidungen fallen. Bis zu verlässlichen Ansagen werden aber wohl noch weitere Tage vergehen. Nur eins gilt schon als beinah sicher: Jede Schülerin und jeder Schüler soll in diesem Schuljahr zumindest tageweise wieder in der Schule lernen. Das jedenfalls ist das erklärte Ziel der Kultusministerien. Wie der Unterricht für Grundschüler künftig aussieht, wird auch davon abhängen, wie gut er nun in den ersten Ländern funktioniert.

In der Achimer Grundschule sind die Klassen in jeweils zwei Gruppen unterteilt worden, die eine kommt montags und mittwochs, die andere an den anderen drei Tagen, in der Woche darauf wechselt der Rhythmus. Es ist die Rückkehr zu einer Normalität im Ausnahmezustand, mehr nicht. Aber auch nicht weniger. An der Tür hängen jetzt neue Schulregeln, "sie widersprechen in vielem dem, was wir hier eigentlich leben wollen", sagt Schulleiterin Wöckener - aber Hygiene schlägt nun eben Pädagogik. Normalerweise teilen die Schüler schon mal ihr Arbeitsmaterial, jetzt darf jeder nur seines benutzen. Gruppenarbeit gibt es nicht, Partneraufgaben gibt es nicht, den anderen anfassen geht ohnehin gar nicht. Wöckener ahnt, was sie sich auch selbst noch alles verbieten muss, wenn mal mehr Kinder in der Schule sind und eines von ihnen Trost bräuchte, die Hand auf der Schulter, "was in diesem Alter ja noch möglich wäre. Jetzt geht das nicht". Die Kinder, die ohnehin nicht still sitzen können, die Kinder, die die Lehrerin dicht neben sich brauchen, um in die nächste Aufgabe zu finden, die Kinder, deren Eltern zu Hause keine Zeit hatten, den Stoff zu üben, auf dem die ganze Schulkarriere aufgebaut wird. Es ist erst Tag eins.

In Niedersachsen hat Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) den Schulen während des Stillstands Briefe geschrieben, "pädagogisch aufmunternde Briefe", sagt Babette Wöckener, darüber sei sie froh gewesen. Jede Entscheidung solle im Sinne der Schüler getroffen werden, kein Kind dürfe nicht versetzt werden, bei dem das nicht schon vor der Corona-Pause klar gewesen sei. Die Leistungsstände jeder Schülerin und jedes Schülers von vor den Osterferien sind fixiert worden, auch für den Fall, dass die Schulen erneut geschlossen werden müssen. Schriftliche Leistungstests sind vorerst ausgesetzt.

Die neuen Regeln sind sichtbar in der Schule. Schon vor der Tür sind Pfeile zu den verschiedenen Eingängen aufgemalt, die Feuertreppe, sonst ein Tabu für die Kinder, führt jetzt zu einem Zugang im Obergeschoss. Im Treppenhaus geht's rechts nur rauf, links nur runter, in den Klassenzimmern sind schmale Korridore auf dem Boden abgeklebt, sie führen zur Tafel oder zum Waschbecken. Jeden Morgen müssen die Lehrerinnen nun notieren, welche Kinder zusammen in welcher Gruppe sind und die Namen an die Stadt melden, für den Fall, dass eine Infektion nachverfolgt werden muss. Der Pausenplan für nur zwei Klassengruppen sowie die Kinder in der Notbetreuung liest sich so kompliziert wie der Dienstplan von Schichtarbeitern, da müssen vom 18. Mai an noch die dritten Klassen und später die Kleinsten der Jahrgänge eins und zwei eingearbeitet werden. "Ende Juni sollen wir dann 50 Prozent der Kinder im Gebäude haben", sagt Babette Wöckener, das wären 80 Schülerinnen und Schüler. Wie die Abstandsregeln dann einzuhalten sind, weiß sie noch nicht.

© SZ vom 05.05.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite