Pädagoge "Zum Anwalt des Kindes machen"

Hans Lohmüller leitet seit 2005 das Sonderpädagogische Förderzentrum Landshut-Land mit 160 Schülern. Der 55-jährige Pädagoge ist auf Lernbehinderungen spezialisiert und Vorsitzender des Landesverbands Sonderpädagogik Bayern.

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Warum der Leiter einer Förderschule es als Erfolg wertet, wenn seine Schule immer kleiner wird.

Interview von Susanne Klein

SZ: Nenad Mihailovic lernt gerade für einen Realschulabschluss, den Hauptschulabschluss hat er mit Auszeichnung geschafft. Aber in Coburg wurde er 2004 für geistig behindert erklärt und kam an eine Förderschule. Wie konnte das passieren?

Hans Lohmüller: Sonderpädagogische Diagnostik kann Fehler machen, aber dieser Fall ist geradezu tragisch. Seit 2003 schreibt das Gesetz vor, den Verbleib an einer Förderschule jährlich zu überprüfen. Ohne die Einzelheiten beurteilen zu können: Dass Nenad mehr Potenziale hat, als eine Schule zur Förderung der geistigen Entwicklung fördern kann, hätte man im Verlauf erkennen müssen.

Stattdessen wirkt es so, als habe man sich in Coburg und in Köln, wo Mihailovic von 2008 an zur Förderschule ging, auf einen einzigen Intelligenztest verlassen.

Sonderpädagogen dürfen sich nie auf eine einzelne Momentaufnahme verlassen. Ein Kind kann durch Flucht, Vertreibung oder Gewalt so belastet sein, dass es sein Potenzial eine Zeit lang nicht zeigen kann. Noch dazu, wenn es wie Nenad die Sprache nicht versteht. Man muss im Verlauf der Zeit mehrere Diagnosen stellen.

Zählen dazu wiederholte Intelligenztests?

Nicht unbedingt. Meine Schule macht einen weiteren Test, wenn sich ein Kind so gut entwickelt, dass wir es für die Grund- oder Mittelschule empfehlen möchten. Andernfalls können durchaus vier, fünf Jahre ohne neuen Test vergehen. Aber die anderen Überprüfungen finden immer statt.

Welche Überprüfungen sind das?

In Bayern muss die Schule jedes Jahr den Lernfortschritt und die emotionale und soziale Entwicklung des Schülers in einem ausführlichen Förderplan beschreiben. Der wird dann mit den Eltern diskutiert: Bleibt das Kind, oder wäre ein anderer Förderschwerpunkt besser? Oder sollte es an eine allgemeine Schule wechseln?

Wer hat das letzte Wort?

Die Eltern. So steht es im bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz.

Welche Diagnostik steht ganz am Anfang?

Meist führt ein Sonderpädagoge oder Facharzt einen altersgerechten Intelligenztest durch. Das ist aber nur ein Baustein von vielen. Die Förderschule lädt Eltern und Kind zu Besuchen ein oder schickt Mitarbeiter nach Hause und in die Kita. Um das Entwicklungspotenzial des Kindes einzuschätzen, muss man sein Verhalten in der Gruppe beobachten, die Motorik, Sprache, das Zuhause und das Umfeld. Aus all dem entsteht dann ein Beratungsprozess mit ausführlichen Elterngesprächen. Die Meinungsbildung kann fast ein Jahr dauern.

Wie gehen Eltern damit um?

Die meisten gehen sehr bewusst in die Entscheidung. Sie fragen kritisch nach, holen Zweitdiagnosen ein, schauen sich unseren Unterricht an, nutzen Inklusionsberatungen. Sie machen sich ein sehr genaues Bild.

Die Eltern von Nenad Mihailovic waren dazu nicht imstande.

Wenn Eltern sich aus kulturellen oder sprachlichen Gründen nicht zum Anwalt des Kindes machen können, dann muss die Förderschule das umso mehr tun. So verstehe ich Sonderpädagogik.

Was, wenn ein Kind unterfordert ist?

Dann muss die Förderschule ihm mehr Lernstoff anbieten oder, falls das nicht reicht, ihm probeweise den Unterrichtsbesuch an einer anderen Schule ermöglichen - unser Förderzentrum Landshut-Land macht das mit großer Regelmäßigkeit.

Wie viele Ihrer Schüler können dauerhaft an eine allgemeine Schule wechseln?

Ungefähr zehn von hundert. Unser mobiler sonderpädagogischer Dienst betreut sie nach dem Wechsel weiter. Von diesen zehn Prozent kommt fast keiner zurück. Ich verfüge über 600 Lehrerstunden pro Woche, 100 gehen in den mobilen Dienst. Mit mehr Stunden könnten wir mehr Schüler im System der allgemeinen Schulen halten.

Wollen das die Förderschulen denn? Der Inklusionsforscher Thomas Hennemann sagt, sie müssten schon zur Selbsterhaltung viele eigene Schüler haben.

Ein kritischer Punkt. Wie bei allen Schulen werden auch unsere Mittel in Relation zur Schülerzahl bewilligt. Das ist ein Systemfehler. Die Qualität unserer Arbeit zeigt sich doch darin, dass wir möglichst wenige Schüler haben! Je besser wir in der Prävention sind und die Inklusion unterstützen, desto kleiner ist unsere Schule. Der Verband der Sonderpädagogen verlangt seit Langem, an Qualität gemessen zu werden.

Schulen mit dem Schwerpunkt Lernen und Sprache fallen in einigen Bundesländern der Inklusion zum Opfer. Kann unsere Gesellschaft darauf verzichten?

Sie kann nicht auf die Sonderpädagogik verzichten. Das tun hochinklusive Systeme wie das finnische auch nicht. Aus Sicht des bayerischen Sonderpädagogikverbandes kann ich aber sagen: Wir sind dazu bereit, die Inklusion an allgemeinen Schulen zu koordinieren, sie fachlich zu begleiten und mit Fortbildung und Supervision auszustatten. Und zwar in einem Ausmaß, dass wir daneben nur noch ein ganz kleines eigenes Schulangebot haben.