Ostukraine:Ein Mord und seine Deutungen

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Russland nennt das Attentat auf einen Separatistenführer Tor­pedierung des Minsker Frie­dens­plans - aber es könnte auch anders sein.

Von Florian Hassel, Warschau

Das Donezker Restaurant "Separ" war bei Separatistenführer Alexander Sachartschenko beliebt. Erstens liegt das Restaurant nur wenige Schritte entfernt vom Amtssitz des "Präsidenten" der "Volksrepublik Donezk" (DNR). Zweitens gehört es zwei ehemaligen Leibwächtern Sachartschenkos, der erst Rebellenkommandeur, dann "Regierungschef" und schließlich "Präsident" der 2014 von Moskau im Osten der Ukraine organisierten DNR war. Sachartschenko hielt sich offenbar im "Separ" für sicher. Doch als er am Freitagnachmittag in das Restaurant kam, zündete ein Attentäter per Mobiltelefon eine Bombe, sie war in einem Leuchter versteckt. Seit 2015 sind in Donezk etliche Rebellenführer durch Bombenanschläge getötet worden. Und wie zuvor gibt es auch bei Sachartschenko mehrere Möglichkeiten, wer der Täter sein könnte.

So gab sich das russische Außenministerium überzeugt, Sachartschenkos Tod sei das Werk Kiews - sprich: eines Killerkommandos des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Präsident Wladimir Putin meinte: "Diejenigen, die den Weg des Terrors, der Gewalt, der Einschüchterung gewählt haben, wollen keine friedliche politische Lösung des Konfliktes suchen." Außenminister Sergej Lawrow schloss wegen der "Provokation der Ukraine, die auf das Sprengen der Minsker Übereinkünfte zielt", Friedensverhandlungen über die Ostukraine erst einmal aus. In Minsk hatten sich die Ukraine, die Rebellen und Russland im September 2014 auf einen Waffenstillstand und weitere Gespräche geeinigt. Diese wurden seitdem - erfolglos - auch zwischen Russland, Deutschland, Frankreich und der Ukraine im Rahmen des sogenannten Normandie-Formats geführt, der Waffenstillstand ist brüchig.

Sachartschenko kontrollierte die Steuern und den Schmuggel. Vielleicht war das sein Todesurteil

Doch es gibt auch die Deutung, dass konkurrierende Rebellenführer Sachartschenko getötet haben könnten. Der Rebellenchef kontrollierte zusammen mit DNR-"Finanzminister"Alexander Timofejew (auch als Rebellenkommandeur "Taschkent" bekannt) einen Großteil des Geldes in der DNR - sowohl der offiziellen Steuern, als auch Hunderte Millionen Euro, die aus Schmuggel stammen.

Andere spekulieren, dass Moskau den Rebellenchef beseitigen ließ. Sowohl die DNR als auch die benachbarte Rebellenrepublik in Lugansk wurden 2014 von den Geheimdiensten GRU und FSB und dem Kreml-Funktionär Wladislaw Surkow organisiert und kontrolliert. Ein ehemaliger DNR-Minister schilderte der Süddeutschen Zeitung Anfang 2015, dass auch jedes "Ministerium" mit russischen Kontrolleuren besetzt sei und abendlich Berichte nach Moskau schicke. Zudem rüstet Russland in der Ostukraine weiter auf: Erst Mitte August berichtete die OSZE über die Ankunft neuer russischer Truppen und über hochmoderne russische Waffensysteme.

Gleichzeitig könnte der Kreml allen markigen Erklärungen zum Trotz tatsächlich an neuen Verhandlungen mit Kiew und seinen westlichen Partnern interessiert sein, damit endlich die Sanktionen gegen das wirtschaftlich massiv schwächelnde Russland aufgehoben werden. Sachartschenko galt als Gegner von Verhandlungen - die sein politisches Ende bedeutet hätten - und geriet mit seinen Moskauer Aufsehern offenbar auch beim Kampf um Geld in Konflikt. Zudem wollte er sich bei eigentlich am 4. November anstehenden "Wahlen" als "Präsident" bestätigen lassen.

Doch der Kreml entschied offenbar anders: Der Moskauer Info-Dienst RBK meldet am 20. August unter Berufung auf Quellen im Kreml und bei den Rebellen, die "Wahlen" würden auf unabsehbare Zeit verschoben. Moskau wolle seine Verhandlungspartner womöglich nicht durch neue "Wahlen" bei den Rebellen provozieren. Zudem sei die Lage für die Bevölkerung in Donezk so schlecht, dass auch aus Moskau nach Donezk geschickte Soziologen angesichts eines für die DNR-Führer katastrophalen Meinungsbildes empfohlen hätten, die "Wahlen" zu verschieben.

Doch wenn tatsächlich Moskau Sachartschenko loswerden wollte - warum berief es den Rebellenführer nicht einfach "aus gesundheitlichen Gründen" ab, wie zuvor in der zweiten Rebellenhochburg Lugansk geschehen? Mögliche Antworten: Sachartschenko gebot über mehrere Tausend Bewaffnete. Zudem pflegte Moskau in russischen Medien lange das Image Sachartschenkos als angeblichem Helden: Ihn nun unrühmlich abzuservieren, wäre schwerer zu erklären gewesen als ein Tod durch eine angeblich ukrainische Bombe. Der nun zum amtierenden "Republikoberhaupt" ausgerufene Dmitrij Trapesnikow gilt als blasse Figur und Marionette Moskaus.

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