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Fehmarnbelttunnel:"Dieses Projekt braucht man nicht"

Geplanter Fehmarnbelt-Tunnel

Die Computergrafik zeigt das Tunnelportal auf deutscher Seite für die geplante Fehmarnbelt-Querung.

(Foto: dpa)

Durch die Ostsee soll ein großer Tunnel von Deutschland nach Dänemark führen. Längst geplant, längst genehmigt. Doch der Widerstand gegen den Milliardenbau dauert an.

Von Peter Burghardt, Fehmarn

Er schaut bis nach Dänemark, wenn er am Schreibtisch sitzt und gegen den Tunnel kämpft. Hendrick Kerlen wohnt im Nordwesten Fehmarns, hinter Windrädern und Rapsfeldern, ganz nahe am Strand. Gegenüber liegt die dänische Küste, dazwischen die Wasserstraße Fehmarnbelt. Schiffe pendeln hin und her, er könnte ab und zu rüberfahren, aber der Rentner Kerlen hat keine Zeit. "Das ist ein Fulltimejob", sagt er, 82 Jahre alt, Haar und Schnurrbart weiß. Der Ostseetunnel lässt ihm keine Ruhe.

Bis in die Nacht hinein saß er hier in seinem Haus gerade wieder über einer Klagebegründung. Hendrick Kerlen leitet seit Jahren das Aktionsbündnis gegen eine feste Fehmarnbeltquerung e. V., und er will die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Milliardenbau doch noch verhindert wird. Trotz der Niederlage vor Gericht. Obwohl auf der anderen Seite bereits die Maschinen angeworfen werden.

Im Januar haben die Dänen losgelegt, drüben gibt es anders als auf Fehmarn wenig Widerstand. Ein Arbeitshafen wird dort ausgebaggert, Boden für das Tunnelportal entwässert, ein Umspannwerk gebaut und eine Fabrik für die Tunnelteile. Bis 2029 soll eine Unterwassertrasse die Inseln Fehmarn und Lolland verbinden, von Puttgarden nach Rødby. Parallel zur Vogelfluglinie, wie die Fährstrecke heißt.

Mindestens elf Milliarden soll das Projekt kosten

Ein sogenannter Absenktunnel soll es werden, kein Bohrtunnel wie der Eurotunnel zwischen Frankreich und Großbritannien. 18 Kilometer lang. Zwei Röhren für Autos und zwei Röhren für Züge, zusammengesetzt aus Betonstücken, jedes davon 73 000 Tonnen oder 14 000 Elefanten schwer. Kopenhagen will den Tunnel bezahlen, Deutschland finanziert seine Anbindung mit Schienen und Straße. 2011 wurde der Staatsvertrag unterzeichnet, gestritten wird noch immer. Mindestens elf Milliarden Euro wird alles kosten, Kritiker rechnen mit viel mehr. "Dieser Irrwitz", sagt Hendrick Kerlen, er lacht. "Das Projekt braucht man nicht."

Es ist das größte Infrastrukturprojekt Nordeuropas. "Europas neue Abkürzung", schreibt Femern A/S, der staatliche dänische Betreiber, auf dessen Website man virtuell durch den Tunnel rauschen kann. Statt 45 Minuten wie die Schiffspassage soll die Fahrt nur zehn Minuten dauern und die Bahnreise von Hamburg nach Kopenhagen weniger als drei statt viereinhalb Stunden. Für die Anhänger wächst die Region mit dem Ostseetunnel zusammen, sie versprechen grenzenlose Märkte. An diesem Montag treffen sich Politiker und Wirtschaftsleute im Netz und am Weißenhäuser Strand zu den Fehmarnbelt Days. Für Hendrick Kerlen ist es "die Gegenseite. Die wollen das Ding gebaut haben. Man fasst sich an den Kopf".

In seinem Wintergarten tröpfelt Regen aufs Dach, draußen zwitschern Vögel. Fehmarn ist ein grünes Eiland mit guter Luft, Hort der Entschleunigung, beliebt bei Surfern und Freunden der Stille. Und nun bald eine Großbaustelle mit Zementwerken für eine Autobahn und Zugstrecke mit kilometerlangen Güterzügen zwischen Nord und Süd durchs Meer und vorbei an Feriengebieten?

Als Bauingenieur und Wirtschaftsingenieur hat Hendrick Kerlen in fernen Ländern wie Südkorea gearbeitet. In Rente zerpflückt er die Papiere der Fehmarnbeltquerung. Er las Studien und Gutachten, er rechnete. "Ökonomisch ist das gar nicht machbar", meint er. "Für mich als Fachmann ist so was erschütternd." Ökologisch halten Widersacher wie er diese Ostseestrecke ohnehin für eine Katastrophe.

Sie schlossen sich zusammen, ihr Symbol wurde ein Kreuz. Wie bei den Atomkraftgegnern in Gorleben, nur blau statt gelb. Ihre Bürgerinitiative verwandelten Kerlen und seine Mitstreiter in einen Umweltverein, um wie andere Naturschützer und Betroffene besser klagen zu können.

Der geplante Fehmarnbelt-Tunnel

Zukunftsmusik: Die grafische Darstellung des geplanten Fehmarnbelt-Tunnels zwischen Deutschland und Dänemark auf dänischer Seite in Rodbyhavn.

(Foto: ICONO A; S für Femern A; S/dpa)

Für die Herausforderer wäre der Tunnel die größte Umweltsünde Nordeuropas, eine europäische Verschwendung von Steuergeld. Der Ostseegrund würde aufgerissen, in einem sensiblen Revier. Sie warnen vor Folgen der jahrelangen Bauzeit für Schweinswale, Dorsche, Schiffe, Einheimische, Touristen. Sie können sich auch nicht vorstellen, dass sich die Kosten mit den von Dänemark erhobenen Mautgebühren decken lassen werden. Experten sagen einen wesentlich geringeren Verkehrsbedarf voraus als offiziell kalkuliert.

Es ist ein weiterer Zwist um einen deutschen Großumbau, siehe Stuttgart 21 oder die inzwischen ausgebaggerte Elbe. In diesem Fall verloren die Rebellen zuletzt im November 2020 vor dem Leipziger Bundesverwaltungsgericht. Die Richter hatten keine entscheidenden Einwände gegen die Pläne. Sie erließen nur Auflagen, unter anderem wegen der geschützten Riffe, an die der Umweltverband Nabu erinnert hatte. Und wegen des Brandschutzes, den Kerlen persönlich bemängelte. Er fragt sich, wie in dem Absenktunnel eine Havarie gestoppt werden könnte.

Ansonsten war das Urteil "eine sehr kalte Dusche", wie er es ausdrückt, "aber wir sind nicht in Schockstarre", sie warten auf die schriftliche Begründung aus Leipzig. Eine Verfassungsbeschwerde wird erwogen. Weitere Klagen laufen, unter anderem beim Europäischen Gerichtshof wegen der dänischen Staatshilfen.

"Wie unter den Teppich gekehrt"

Zwanzig Minuten von Hendrick Kerlen entfernt sinkt Karin Neumann vor ihrem Backsteinhaus in einen Strandkorb, nebenan kräht ein Hahn. Sie vermietet Ferienwohnungen und ist Sprecherin der Beltretter, einer Art Generalvertretung aller Tunnelgegner. Sie zündet sich eine Zigarette an, der Tunnel regt sie auf. Auch sie wühlt sich durch Planfeststellungsbeschlüsse und Landtagsprotokolle. "Der Tunnel wird einem wirklich untergejubelt", sagt sie. "Wie unter den Teppich gekehrt. Auf Kosten vieler anderer. Das passt auch nicht in die Zeit. Wir brauchen keinen Tunnel, um eine moderne Region aufzubauen. Das geht in die ganz falsche Richtung."

Mal ist sie fasziniert von dem, was sie da über Politik und Lobbyismus lernt, "man braucht ja nur der Spur des Geldes zu folgen". Sie war auch bei den dänischen Bauherren eingeladen, "Heizdeckenfahrten". Mal überlegt Karin Neumann frustriert, von Fehmarn wegzuziehen, wenn die Tunneltrupps kommen, beim Leipziger Tunnelverfahren kam sie sich vor "wie im falschen Film". Mal denkt sie, dass es doch noch eine Wende geben könnte.

Eine bunte Gegenbewegung hat sich da zusammengefunden. Die Opposition reicht von Anglern, Tauchern, Campern oder Werbern bis zur Reederei Scandlines mit ihren Hybrid-Fähren. Von der "Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer" bis zur örtlichen SPD. Mehrere grüne Kreisverbände sind auch dabei. Die Landesgrünen regieren einerseits mit CDU und FDP, die den Tunnel wollen, und verlangen andererseits eine Neubewertung des Unternehmens Fehmarnbeltquerung. "Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem die Grünen Farbe bekennen müssen", findet die Beltretterin Neumann, "sonst ist es wirklich zu spät."

Die Baustelle ist bisher nur ein Krötenzaun

Was, wenn eine Grüne Bundeskanzlerin wird? Das Thema komme noch mal auf die Agenda, glaubt die Fehmarner Grünen-Fraktionsvorsitzende Christiane Stodt-Kirchholtes am Telefon, "und wenn ich selbst zu Annalena Baerbock fahre".

Noch sieht man auf Fehmarn nicht viel von dem, was kommen könnte. Die dänischen Tunnelbauer Femern S/A haben neben der künftigen Baustelle nur einen Krötenzaun aufgestellt, dazu den Hinweis "Artenschutz für den Kammmolch".

Hendrick Kerlen führt um sein Haus herum zu einem blauen Kreuz, Zeichen der Rebellion. "Finger weg vom Fehmarnbelt", steht daneben auf einem Plakat mit Kanzlerinnenraute. Darauf klebt gerade eine Regenschnecke.

© SZ/rop
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