Pazifismus:Ostermärsche in Zeiten des Kriegs

Pazifismus: 1964 waren die Ostermärsche - wie hier in Bremen - geleitet von der Kampagne für Abrüstung in West und Ost.

1964 waren die Ostermärsche - wie hier in Bremen - geleitet von der Kampagne für Abrüstung in West und Ost.

(Foto: Klaus Rose/Imago)

"Frieden schaffen ohne Waffen" - dieser Satz der Friedensbewegung will zur Lage in der Ukraine so gar nicht passen. Fraglich, wie viele Menschen trotzdem auf die Straße gehen.

Von Robert Probst, München

Sie sind das gewohnt. Seit mehr als 60 Jahren inzwischen. "Das Unternehmen wurde von Ost und West, links und rechts mit Häme und Spott überschüttet. Naive Sektierer und idealistische Spinner waren noch die freundlichste Bezeichnung." So steht es in einer historischen Schrift über einen der allerersten Ostermärsche in Deutschland 1960.

In diesem Jahr tritt die Bewegung nun unter ganz besonders düsteren Umständen in die Öffentlichkeit, der Ukraine-Krieg wird das zentrale Thema sein - und auch die Erregung über Slogans wie "Waffen nieder! Nein zum Krieg! Eskalationsspirale stoppen!" ist besonders groß. So hat etwa der FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff die Teilnehmer der Ostermärsche gleich zur "fünften Kolonne Wladimir Putins" erklärt. Friedlich klingt das nicht gerade.

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"Frieden schaffen ohne Waffen" - diese alte Kernforderung des deutschen Pazifismus scheint durch den Ukraine-Krieg und vor allem dadurch, wie der russische Präsident Wladimir Putin ihn führen lässt, infrage gestellt, wenn nicht gar diskreditiert zu sein. Auch viele prominente Grüne und Linke, einst aus der Friedensbewegung hervorgegangen oder eng mit ihr verknüpft, sind heute laute Befürworter von Waffenlieferungen an die Ukraine.

Andererseits sieht sich die Friedensbewegung bestärkt in ihren Ansichten: Die Gefahr eines Atomkriegs sei heute so groß wie seit der Kuba-Krise von 1962 nicht mehr, warnen etwa die Veranstalter im Ruhrgebiet. Bundesweit sind mehr als hundert Demonstrationen, Fahrradtouren, Mahnwachen und Friedensgebete für ein sofortiges Ende der Kämpfe und eine Friedensregelung geplant.

"Sie spucken den Verteidigern Kiews und Charkiws ins Gesicht."

Die Aufrufe der Veranstalter sind sehr weit entfernt von der Politik, die derzeit in Europa und in der Welt gegen Putin gemacht wird. Für den Ostermarsch in Berlin ist etwa zu lesen: Die westlichen Länder "müssten sich doch nur mit Vernunft und Diplomatie einbringen statt mit Waffenlieferungen, Sanktionen und Aufheizen der Emotionen. Sie müssten mit der weiteren Nato-Osterweiterung aufhören und keine provozierenden Nato-Manöver an der russischen Grenze abhalten". Von einer künftig "vernünftigerweise neutralen Ukraine" ist da die Rede und von einer "neuen Sicherheitsarchitektur von Lissabon bis Wladiwostok", ein Begriff, mit dem der frühere russische Präsident Dmitrij Medwedjew zuletzt den Westen provoziert hatte.

Viele Politiker der Ampelkoalition üben sich in vornehmer Zurückhaltung gegenüber solchen aus ihrer Sicht völlig falschen Vorstellungen. Nicht so Alexander Graff Lambsdorff. "Wenn Ostermarschierer jetzt Abrüstung fordern und in Interviews vorschlagen, die Ukraine 'gewaltfrei zu unterstützen', spucken sie den Verteidigern Kiews und Charkiws ins Gesicht", schreibt der stellvertretende Chef der FDP-Bundestagsfraktion in einem Gastbeitrag für Die Zeit. "Sie traumatisieren die zu uns Geflüchteten ein zweites Mal, denn sie schützen die Mörder und Vergewaltiger von Butscha, Irpin und Mariupol."

Wer denkt da nicht gleich an die Aussage des CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler aus dem Jahr 1983, es sei der Pazifismus der 30er-Jahre gewesen, der "Auschwitz" erst möglich gemacht habe. Damals ging es in ähnlich aufgeheizter Atmosphäre um den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung von Atomraketen in Deutschland. Nichts hat seither die Friedensbewegung mehr mobilisiert als der Kampf gegen die atomare Aufrüstung.

Ein zweiter Schwerpunkt der Ostermarschierer wird die von Kanzler Olaf Scholz (SPD) ausgerufene "Zeitenwende" sein. "Hier besteht komplette Einigkeit darüber, dass wir die 100 Milliarden für das Klima und andere drängende Aufgaben brauchen und nicht für Waffen", sagt Kristian Golla vom Netzwerk Friedenskooperative in Bonn, das die Ostermärsche bundesweit koordiniert. "Auf einen Schlag 100 Milliarden in Aufrüstung zu investieren, ist doch nur ein Freifahrtschein fürs Geldverdienen der Rüstungskonzerne. Das bringt auch keine zusätzliche Sicherheit."

"Jetzt den Pazifismus zu verdammen, das ist falsch."

Hinter der Forderung nach weniger Aufrüstung für die Bundeswehr werden sich wohl mehr friedensbewegte Menschen versammeln können als hinter dem Wunsch nach einem Frieden ohne Waffen. Die Bewegung ist da gespalten, genau wie die Kirchen. Die frühere evangelische Bischöfin Margot Käßmann etwa sagt: "Jetzt den Pazifismus zu verdammen, weil man nicht weiß, wie man den Krieg stoppen soll, das ist falsch."

Der Bewegungsforscher und Politologe Dieter Rucht hält es für möglich, dass der Krieg den Märschen einen Schub versetzen könnte. Er rechnet damit, dass in den drei Tagen von Karfreitag bis Ostermontag drei- bis fünfmal so viele Menschen mitmachen wie zuletzt. Im vergangenen Jahr fanden die Märsche allerdings unter Corona-Bedingungen statt, ein Vergleich ist also schwer möglich. Die Organisatoren sind sich jedenfalls nicht ganz so sicher. Es werde sich noch zeigen müssen, "ob Bilder wie die von den getöteten Zivilisten in Butscha nun eher mobilisieren oder nicht vielleicht die Resignation verstärken", sagt Golla.

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