Das Meer ist das Glück für Youji Gushiken. Wenn man ihn fragt, ob es ein gutes Leben sei als Fischer auf der japanischen Insel Ishigaki, dann breitet sich ein warmes Lächeln über sein rundes Gesicht. Als er jung war, zog es ihn mal in die große Stadt. Er studierte Bauwesen in Tokio, aber das Heimweh holte ihn ein. "Tokio hat auch ein Meer, aber das ist anders." Er kehrte zurück in den Betrieb seines Vaters. Seither fährt er auf die hohe See, wirft die kilometerlangen Leinen mit den Angeln aus und holt sie wieder ein, wenn die Thunfische angebissen haben. Er zeigt ein Video, auf dem er einen Thunfisch mit dem Haken an Bord holt und sich dann mit knapper Verbeugung beim Fisch bedankt dafür, dass er sich hat fangen lassen. "Es ist das beste Leben", sagt Gushiken. Nur ein Umstand stört. Der komplizierte Streit Japans mit China um die Senkaku-Inseln beeinträchtigt die Freiheit auf dem Meer. "Wir können nicht fischen gehen, wie wir wollen", sagt Gushiken mit leisem Bedauern.
Strategische Perlen von größter Bedeutung für die Kontrolle der Seewege
Der Konflikt um die Senkaku-Inseln im ostchinesischen Meer ist für die meisten Japanerinnen und Japaner ein eher abstraktes Ärgernis. Die Inseln sind weit weg vom Rest des Landes. Sie gehören zum Gemeindegebiet Ishigakis, Japans südlichster Stadt, knapp 2000 Kilometer von Tokio entfernt, Präfektur Okinawa. Aber selbst vom Hafen des tropischen Urlaubsorts sind es mit dem Schiff noch sechs Stunden, bis man sie erreicht. Drei der acht Senkaku-Inseln sind gar keine Inseln, sondern Felsenriffe, an denen sich die Wellen brechen. Auf Uotsuri, der größten Senkaku-Insel mit 3,3 Kilometer Länge, unterhielt der japanische Unternehmer und Senkaku-Entdecker Tatsushiro Koga einst eine Fabrik zur Verarbeitung von Bonitos und Albatrosfedern. Aber das ist bald 80 Jahre her. Diverse Brutvögel gibt es hier, den Senkaku-Maulwurf und ein paar Hundert Ziegen, Nachfahren eines 1978 abgesetzten Ziegenpärchens, die nach Angaben der Stadt Ishigaki die seltene Pflanzenwelt des Eilands bedrohlich klein fressen.
Aber die Senkaku-Inseln sind mehr als ein Naturrefugium. Sie sind strategische Perlen, von höchster Relevanz für die Kontrolle der Seewege und ein Symbol für den Machtkampf im chinesischen Meer. Die Chinesen nennen sie Diaoyu-Inseln und beanspruchen sie aus historischen Gründen. Die Japaner übernahmen sie 1895, nachdem sie dort keine Anzeichen chinesischer oder sonstiger Herrschaft vorgefunden hatten. Und davon kann die Regierung des konservativen Premiers Shinzo Abe heute natürlich nicht abrücken. Nichts deutet darauf hin, dass sich der Konflikt bald entschärfen ließe. Ihre Wirtschaftsinteressen bringen China und Japan an den Verhandlungstisch, aber politisch herrscht eine Art kalter Krieg. Seit Japans öffentliche Hand die Senkaku-Inseln 2012 gekauft hat, kreuzen regelmäßig chinesische Schiffe im Senkaku-Gebiet auf. Japans Küstenwache führt akribisch Buch über solche Akte, die sie als Provokationen empfindet, und die Regierung bemüht sich um Verbündete.
Für Einheimische und internationale Beobachter dokumentiert Tokio in Broschüren und Ausstellungen die japanische Version der Geschichte, wonach China sich nie für die Inseln interessiert habe, bis die UN 1968 feststellten, dass in dem Gebiet Erdöl zu finden sei. Außerdem bemüht sich Japan um eine Befriedung an der zweiten Flanke des Konflikts - mit Taiwan, das seinerseits Ansprüche auf die Senkaku- bzw. Diaoyu-Inseln erhebt. Und genau deshalb können Fischer Gushiken und seine Kollegen gerade nicht so fischen, wie sie wollen.
Mit seinen groben Fingern zeigt Youji Gushiken auf eine Karte des ostchinesischen Meeres. Im Korridor zwischen Taiwan, den Yaeyama-Inseln mit Ishigaki und den Senkaku-Inseln ist ein grünes Dreieck eingezeichnet. In den Grenzen dieses Dreiecks gilt seit 2013 ein Fischereiabkommen zwischen Japan und Taiwan, das einen jahrzehntelangen Streit um die Nutzung des Gebiets beendete. Kutter beider Seiten dürfen hier jetzt fischen, nachdem Japan besagtes Dreieck immer als seine exklusive Wirtschaftszone betrachtet hatte. Japan reagierte damit auf die Befürchtung, Taiwan könne sich im Senkaku-Streit an die Seite Chinas stellen. Auch für Taiwan gilt das Abkommen als strategischer Erfolg. Aber wie es in der Praxis funktionieren soll, ohne dass sich die Netze und Leinen der Kutter verheddern, haben die Regierungen den Fischern überlassen.
Jedes Jahr tritt deshalb ein japanisch-taiwanesisches Fischerei-Komitee zusammen. Erst in dieser Woche tagte es wieder in Tokio, nachdem der turnusgemäße Termin Anfang März ergebnislos endete.
Jede Seite scheint die jeweils andere als Gast in fremdem Gewässer zu sehen
Gushiken, 62, ist immer dabei als erfahrener Fischerei-Funktionär. Er nennt die Verhandlungen "eine große Aufgabe für uns". Jede Seite scheint die jeweils andere als Gast in fremdem Gewässer zu sehen, das tut der Atmosphäre nicht gut. Und in der gemeinsamen Zone haben die japanischen Fischer ständig das Gefühl, den größeren Kuttern der taiwanesischen Fischerei-Unternehmer Platz machen zu müssen. "Wenn die Taiwaner da sind, ziehen wir uns zurück, obwohl das unser Gebiet ist", sagt Gushiken, "die haben sieben, acht Leute an Bord, wir zwei oder drei. Da ist klar, dass wir uns zurückziehen müssen."
Ishigaki ist ein ruhiges Fleckchen Erde mit vielen glücklichen Japanern. Die Geburtenrate ist hier eine der höchsten im Land. Es gibt ein neues Krankenhaus. Durch den neuen Flughafen und einen regen Kreuzschiff-Verkehr kommen immer mehr Touristen auf die Insel - vor allem chinesische. Der Streit um die Senkaku-Inseln schwelt in irgendeiner Ferne. Aber dass er gar keine Auswirkungen hätte, kann man auch nicht sagen.
"Ich möchte betonen, dass die Senkaku-Inseln japanisches Territorium sind", sagt der parteilose Bürgermeister Yoshitaka Nakayama im verwitterten Rathaus von Ishigaki, ehe er die Frage nach den Folgen des Konflikts für seine Stadt beantwortet. Er sei "keine Belastung". Im Hafen ankern mehr Schiffe der Küstenwache als früher; unter anderem die Mizuki, deren Kollision mit einem chinesischen Kutter 2010 im Senkaku-Gebiet eine diplomatische Krise auslöste. Ishigaki soll einen Stützpunkt der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte bekommen, was den vergeblichen Widerstand einer Bürgerinitiative geweckt hat. Aber sonst? Die Fischer leiden, das muss der Bürgermeister einräumen. Der Kompromiss mit Taiwan ist kein Kinderspiel für sie. Ishigakis Kommunalpolitik will, dass er überdacht wird. Nakayama verteidigt ihn trotzdem. "Japan musste etwas gegen den Druck von China tun", erklärt er.
China beobachtet den taiwanesisch-japanischen Schulterschluss mit Argwohn. Vor dem Treffen Anfang März tauchten Schiffe der chinesischen Küstenwache in der Nähe des Dreiecks auf, wie die South China Morning Post berichtet, angeblich zur Warnung. Die Lage ist angespannt.
Youji Gushiken selbst interessieren die Senkaku-Inseln nicht sehr. Die Fischgründe dort sind nicht sein Fall. "Da ist es sehr seicht." Außerdem würde er mit seinem alten Kutter zehn Stunden brauchen, um dorthin zu kommen. Das Gebiet, in dem der umstrittene Fischereifrieden mit Taiwan herrscht, ist etwas anderes. Das ist für ihn ein Stück Heimat, das nicht mehr das ist, was es mal war. Er ärgert sich. Er verhandelt. Er fischt weiter, wie immer, obwohl sein Rücken nicht mehr richtig mitmacht. Und die japanisch-chinesischen Machtspiele fürchtet er nicht. Krieg um die Senkaku-Inseln? "Das kann nicht passieren", sagt der alte Fischer Gushiken, "das würde beide Seiten verletzen."
