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Interview am Morgen: Ostdeutschland:"Da sind viele heute sehr Putin-treu"

Mitglieder des "Rostov Don Kosaken Chors" vor der Frauenkirche in Dresden.

(Foto: All mauritius images)

Die Dresdner Bloggerin Jane Jannke über den deutsch-russischen Lebensalltag in der DDR - und warum sich Ost wie West mit der Zeit der sowjetischen Besatzung auseinandersetzen müssen.

Fünf Jahre nach der russischen Annexion der Krim fordert Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ein Ende der Handelsbeschränkungen gegen Moskau. Das kommt im Osten Deutschlands gut an und löst im Westen Irritationen aus. Und es wirft die Frage auf, warum es zwei so gegensätzliche Sichtweisen auf das Reich von Präsident Wladimir Putin gibt. Die Dresdnerin Jane Jannke, 40, pflegt Gräber auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof in Dresden und bloggt darüber. Im Interview erklärt sie, warum sich nicht nur Ostdeutsche mit der Zeit der sowjetischen Besatzung auseinandersetzen müssen.

SZ: Frau Jannke, Ministerpräsident Michael Kretschmer sagt, der Osten habe eine "eigene Meinung" von Russland. Was könnte er damit meinen?

Jane Jannke: Er hat das ja konkretisiert und gesagt, dass es historische Gemeinsamkeiten gebe, und in gewisser Weise hat er damit natürlich recht. Es gab 45 Jahre Besatzung und damit zwangsweise Gemeinsamkeit, nur war das eben, anders als Herr Kretschmer es insinuiert, keine von Ostdeutschen durchweg als positiv erlebte Zeit. Aber wenn er sagt, dass der Osten der russischen Kultur näher stehe als der Westen, dann ist das sicher richtig. Man konnte dieser Kultur ja gar nicht aus dem Weg gehen, wenn man in der DDR gelebt hat.

Wie entstand Nähe zwischen Bürgern der DDR und den Besatzern?

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Die Nähe war schon räumlich gegeben, wir haben im Osten Tür an Tür gelebt. Es gab auch private Kontakte zu den Sowjets, selbst wenn die nicht immer erwünscht waren. Kinder haben sich auf dem Spielplatz oder in Schulaustauschen getroffen, auch die sowjetische Kultur ist in den Lebensalltag der DDR eingesickert. Abgesehen von solchen von oben verordneten Sachen wie der Massenorganisation "Deutsch-Sowjetische Freundschaft" ist viel Leben in der DDR auch sowjetisiert worden. Liedkultur und sowjetische Kunst sind etwas, für das Russland viele Ostdeutsche heute noch lieben. Selbst das Trinkverhalten hat sich in der DDR dem der Sowjetunion angepasst.

Wie hat sich dieses Verhältnis nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion entwickelt?

Das ist das Erstaunliche an der Wortmeldung von Herrn Kretschmer. Er spricht so wohlwollend von gemeinsamer Vergangenheit, aber er spricht nicht darüber, dass es mit dem Mauerfall eine Zäsur gab und dass eine deutliche Mehrheit der Ostdeutschen damals wollte, dass die Sowjets endlich abziehen. Es gibt diese Kontinuität nicht, die Kretschmer da vorgibt. In Dresden zum Beispiel sagte der damalige CDU-Oberbürgermeister Herbert Wagner bei der offiziellen Verabschiedung der sowjetischen Streitkräfte im August 1992: Wir vergießen hier keine Tränen, dass ihr geht. Der Standortkommandeur der Sowjets, mit dem ich später gesprochen habe, hat das als schallende Ohrfeige empfunden.

Gibt es eine Diskussion im Osten über das eigene Verhältnis zur Zeit der Besatzung, zu Russland und Putin heute?

Kurioserweise gar nicht, da ist viel Schweigen. Diese gesellschaftliche Auseinandersetzung fehlt, und das fängt damit an, dass das Thema in den Schulen fast gar nicht vorkommt. Interesse an einem solchen Diskurs gibt es eher bei den Älteren und bei denen ist die Erinnerung eben überwiegend positiv, weil sie sich vielleicht auch gut arrangiert hatten mit dem Staat und seinen Besatzern. Da sind viele heute sehr Putin-treu und hören schon den Begriff "Besatzung" nicht so gerne.

Also: Nach 45 Jahren Besatzung, militärischer Präsenz und auch gewaltigen Umweltsünden, die von den Sowjets begangen worden sind - woher kommt jetzt diese Freundlichkeit, diese Sehnsucht?

Ich glaube nicht wirklich, dass es eine kollektive Freundlichkeit gibt, das ist ein Irrglaube. Freundlichkeit würde bedeuten, dass man Russland komplett positiv gegenübersteht und das trifft maximal auf ein paar altgediente Akteure zu, die aber nicht die Mehrheit stellen. Nur weil heute jemand Putin verehrt, heißt das nicht, dass er das aus einer historischen Tradition begründen muss. Da spielt auch ganz anderes mit rein, da geht es um die Suche nach einem Platz in der Welt, auch um die Frage: Wo gehören wir hin? Da ist das nicht aufgearbeitete Drama der Wende und der Transformationszeit danach und viele haben das Gefühl, sie müssten sich entscheiden zwischen Ost und West, zwischen Anhängerschaft zu den USA oder zu Russland.

Wenn es so viel Schweigen gibt, wie lässt sich ein Gespräch beginnen?

Dresden, Jane Janke

Jane Jannke, 40, pflegt Gräber auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof in Dresden und bloggt darüber. Sie befasst sich auch darüber hinaus intensiv mit geschichtlichen Verbindungen des Ostens zu Russland.

(Foto: Regina Schmeken)

Ohne das gleichsetzen zu wollen: Ich glaube, es braucht so einen Stein des Anstoßes wie damals die Serie über den Holocaust, die in den späten 1970ern in Westdeutschland lief. Vielleicht wird dieses Gespräch aber auch einfach nie beginnen, weil die Menschen die Zeit der Besatzung nicht als so einschneidend empfunden haben, ich weiß es nicht. Womöglich ist auch einfach noch nicht genügend Zeit vergangen. Es bräuchte jedenfalls einen gesamtdeutschen Diskurs, nicht nur einen im Osten, dann bekommen wir gleich wieder neue Unterschiede.

Matthias Platzeck, einst Brandenburgs Ministerpräsident und heute Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums, diagnostizierte dem Westen einmal "Slawophobie" - hat er recht?

Nein, zumindest nicht in dieser Härte. Der Begriff passt nicht und er schürt doch auch schon wieder Konflikte. Aber in gewisser Weise muss man sehen, dass der Westen auch vom Kalten Krieg geprägt wurde und nicht nur der Osten. Man muss sehen, dass es im Westen antikommunistische Propaganda gab, so wie es im Osten eben antiwestliche Propaganda gab, wenn auch hier sicherlich noch in ganz anderen Dimensionen. Der Westen hat diese Prägungen ja auch nicht einfach so abgelegt.

Von Demonstranten, etwa bei Pegida, ist oft die Klage zu hören, mediale Berichterstattung über Russland sei zu einseitig.

Ich bin auch ein bisschen enttäuscht, aber aus anderen Gründen. Die sachliche Abhandlung komplizierter Themen geht zunehmend verloren und hin zu einer eher emotionalen Berichterstattung. Gerade beim Thema Russland wären Nüchternheit und Analyse hilfreich, sonst finden sich die Leute schnell nur in genau den Meinungsbildern wieder, die sie eh schon pflegen. Ich würde mir wünschen, dass diese Schlagzeilenkultur, die nur auf Jubelstürme oder Empörung abzielt, sich wieder zurückentwickelt. Dass die Berichterstattung über Russland aber einseitig wäre, das nehme ich überhaupt nicht so wahr.

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