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Ost-CDU:Aus der Blockflöte

War die Basis eigenwilliger als ihr Vorsitzender? Ost-CDU-Chef Gerald Götting (rechts) und SED-ZK-Mitglied Joachim Herrmann im Jahr 1987.

(Foto: Ulrich Hässler/imago)

Christine Lieberknecht war in der Ost-CDU Mitautorin eines Briefes, der 1989 Reformen forderte. Eine Triebkraft der Wende war die Partei aber nie.

Der "Brief aus Weimar" kam spät, und er bewegte sich in den vorgegebenen Grenzen des realen Sozialismus der DDR. Es war Mitte September 1989, das System bröckelte bereits. Dabei spielte die ostdeutsche CDU aber keine Rolle. Als Blockpartei ordnete sie sich der SED unter. Es ist ein Stück Geschichte, an das sich die CDU heute ungern erinnert, wenn sie die Linke als Nachfolger der SED angreift und jede Zusammenarbeit ablehnt, wie zuletzt Generalsekretär Paul Ziemiak: "Sollen wir die Mauertoten noch einmal zählen?"

SED und CDU waren nicht das Gleiche, aber nahe beieinander. Die ostdeutsche CDU, aus der die heutigen Landesverbände etwa in Thüringen hervorgingen, wurde damals von Helmut Kohls CDU aus dem Westen verachtet. Der Kanzler und seinesgleichen behandelten diese Partei "wie einen peinlichen Bastard", wie es der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt einmal ausdrückte. Man setzte keinerlei Hoffnung in sie. Dann veröffentlichten am 17. September 1989 vier einfache CDU-Mitglieder, allesamt aus dem Kirchendienst, ihren "Brief aus Weimar". Zu ihnen zählte Christine Lieberknecht, die spätere Ministerpräsidentin, damals Pastorin bei Weimar. Die vier sprachen offen "von akuten gesellschaftlichen und politischen Problemen" in der DDR und verlangten Reformen. Aber sie stellten das sozialistische System ebenso wenig infrage wie die Führungsrolle der SED. Andere waren da weiter, mutiger. Unter Historikern sind die Motive der Autoren umstritten. Der Brief wird als "Pseudo-Reformversuch" eingeordnet oder aber als erster Versuch, für die CDU Eigenständigkeit zu beanspruchen. "Es ging um eine Reform der DDR und um eine Demokratisierung der CDU", sagt der Historiker Bertram Triebel. Er verfasste 2019 im Auftrag einer von der Thüringer CDU berufenen Historikerkommission eine Studie über die Geschichte der Partei. "Blockpartei mit Eigeninteresse" heißt das Buch.

Ein wesentlicher Beitrag zum Ende der DDR war der Brief nicht, "er hat in der Gesellschaft weniger eine Rolle gespielt", so Triebel. Aber für die Ost-CDU hatte er Bedeutung. Heute wird er gern als Beleg angeführt, dass man sich selbst befreit habe. Er ist ein Mythos geworden.

Die CDU war wie andere Blockparteien in den Gründungsjahren der DDR der SED unterstellt worden. Eigenwillige Köpfe hatten keine Chance, viele gingen in den Westen. Für die Betreuung der Blockparteien unterhielt die SED im Zentralkomitee eine Abteilung "Befreundete Parteien". Die bestimmte beim Führungspersonal mit, unterstützte sie finanziell. Im Sinne der SED hatte diese CDU den Zweck, christliche Kreise und den Mittelstand für den Staat zu gewinnen. Dafür gab es Positionen in der Gesellschaft. "Kern des offiziellen Selbstverständnisses der Union war die Unterordnung unter die SED", schreibt Triebel in seiner Studie. Es seien keine dem System widersprechenden Politikentwürfe erarbeitet worden. Man huldigte im Sinne des Marxismus-Leninismus der "führenden Rolle der SED", so Triebel. Für CDU-Funktionäre sei die Kooperation mit der SED etwas Alltägliches gewesen, auch wenn nicht alle bedingungslos folgten.

Historiker haben eine Reihe entsprechender Zitate von Parteimitgliedern gesammelt. Bekenntnisse zum Sozialismus, auch zur Mauer und zum Grenzregime. Allerdings beanspruchen viele Mitglieder für sich, dass sie etwa als Christen in diese Partei gegangen seien, weil sie nicht in die SED wollten. Der Schritt war umstritten, galt manchen als inakzeptable Anpassung. In der Partei wird bis heute gern unterschieden: Die Führung um den Vorsitzenden Gerald Götting habe sich unterworfen, die Basis sei jedoch eigenwilliger gewesen. Der Historiker Triebel sagt, die Basis habe zwar kritisch auf die Nähe ihrer eigenen Führung zur SED-Spitze geblickt, "aber sie hat sich nicht gegen das System aufgelehnt". Sie versuchte im Rahmen des Systems, ihre Interessen umzusetzen, kämpfte lokal vielleicht für einen Kirchturm, orientierte sich aber an der SED - so wurden etwa Ausreisewillige aus der Partei ausgeschlossen.

Die Pastorin Lieberknecht trat 1981 ein, weil sie hoffte, "in der CDU ließen sich in wenigstens bescheidenen Ansätzen eigene Akzente setzen", wie sie einmal sagte. In ihrem Heimatort seien bodenständige Bauern und private Handwerker, auch Kirchenälteste dabei gewesen. Als Pfarrerin warb sie einmal dafür, dass die kirchliche Friedensarbeit mit den gesellschaftlichen Friedensbemühungen des Staates verbunden werden sollte. Andere hatten sich da schon vom Staat abgekehrt.

Lieberknecht gehörte später zu den Reformern dieser CDU, der viele künftige Landespolitiker angehörten, etwa ihr Vorgänger als Ministerpräsident, Dieter Althaus. Eine tragende Rolle bekam diese CDU beim Umbruch erst, als die West-CDU sie vereinnahmte und man im März 1990 die Wahl in der DDR gewann. Die Rolle der "Blockflöten", wie die Ost-CDUler genannt wurden, ist bis heute umstritten, auch in der CDU. So war es schon vor dreißig Jahren. Weil er sich von Westdeutschen gering geschätzt fühlte, soll Erzählungen zufolge damals Willibald Böck, ein Veteran, zu Sitzungen der vereinigten CDU-Führung eine Blockflöte mitgebracht und vor sich auf den Tisch gelegt haben.

© SZ vom 19.02.2020
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