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Kolumbien:Ein Friedensnobelpreis, der Beifall verdient

In der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá feiern Unterstützer Ende September das Friedensabkommen mit der Farc. Danach votierte die Mehrheit der Bevölkerung dagegen.

(Foto: AFP)

Kolumbiens Präsident Santos hat für den Friedensprozess viel riskiert. Die Auszeichnung ist die Motivation, die die Kolumbianer brauchen.

Selten hat eine Entscheidung, die auf internationalem Parkett gefällt wurde, so viel Beifall verdient wie diese: Den Friedensnobelpreis 2016 erhält der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos für seine Bemühungen, einen Bürgerkrieg zu beenden, der seit einem halben Jahrhundert andauert und der Hunderttausende Opfer gefordert hat. Kolumbien gibt damit ein Beispiel für andere Weltgegenden, für all jene Konflikte eben, in denen sich Gegner anscheinend hoffnungslos ineinander verkeilt haben. Die kolumbianische Botschaft lautet: Man kann solche Blockaden beenden, wenn eine der beiden Seiten auf den Gegner zugeht und die Hand zur Versöhnung und vor allem zur Vergebung ausstreckt.

Das passt natürlich nicht jedem, viele fordern Auge um Auge, Zahn um Zahn und sind nicht befriedigt, bis nicht der letzte Gegner besiegt ist. Doch Santos hat sich davon nicht abbringen lassen, auch nicht durch den massiven Rückschlag des verlorenen Referendums vom vergangenen Wochenende, als eine denkbar knappe Mehrheit den Friedensvertrag mit den Rebellen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) ablehnte.

Santos hat viel riskiert

Die Regierung und Rebellen haben trotzdem bisher nicht wieder zu den Waffen gegriffen, und es ist vielleicht diese Entscheidung, für die Santos den Preis am allermeisten verdient hat. Er bleibt zäh bei seinem Friedensplan, und diese Zähigkeit wird belohnt. Der Preis ist die Ermunterung, der Anschub, den die Kolumbianer brauchen, um nun ihre Anstrengungen fortzusetzen. Deshalb geht der Preis ausdrücklich auch an das kolumbianische Volk als Ganzes.

Ein Grund für die Ablehnung beim Referendum war die große Wahlenthaltung, die auf Apathie bei den Kolumbianern schließen lässt. Auf die Angst, dass nach den vielen Rückschlägen der Vergangenheit ohnehin keinem Frieden mehr zu trauen ist. Durch die Preisverleihung spüren die Kolumbianer nun, dass sie im Fokus des Weltinteresses stehen, dass sie ein Beispiel für andere geben können. Vielleicht durchbricht das die Resignation.

Präsident Santos hat viel riskiert, er hat seine gesamte politische Existenz in den Dienst des Friedens gestellt, das wäre von einem früheren Verteidigungsminister nicht zwingend zu erwarten gewesen. Doch Santos hat erkannt, dass man eine militarisierte Gesellschaft nicht mit Strafen befriedet, so wie es sein früherer Chef und jetziger Gegenspieler, Ex-Präsident Álvaro Uribe will. Zum Frieden gehört, die Hände auszustrecken, ohne Angst, dass sie abgehackt werden.

Santos geht gestärkt in die Verhandlungen mit den Skeptikern

Santos wird nun gestärkt in die Verhandlungen mit Uribe und den anderen Friedensskeptikern gehen, möglicherweise gibt es ein neues Referendum mit einer stärkeren Beteiligung. Die, die den Frieden wollen in Kolumbien, können noch einmal Hoffnung schöpfen. Und Frieden ist nun mal Voraussetzung, um endlich auch wirklich die Kriegs-Ursachen zu bekämpfen, die ungerechte Landverteilung, den Latifundismus, all die vom Kolonialismus ererbten Übel, die dafür sorgen, dass die Schere zwischen Arm und Reich offen bleibt. Viele in Kolumbien - und nicht nur in Kolumbien - haben kein Interesse am Frieden, sie leben vom Krieg, der Milliarden Umsätze generiert.

Aber hätte nicht eine syrische Initiative wie die Weißhelme die Ermutigung durch den Preis viel eher nötig gehabt? Das ist so eindeutig nicht zu beantworten. Auf dem Weg zum Frieden ist Kolumbien einen Schritt weiter. Es kann daher als Hoffnung für all die dienen, bei denen noch nicht einmal verhandelt wird: Syrien, Kongo, Irak, Somalia. Insofern hat der Friedensnobelpreis 2016 ein Zeichen gesetzt wie selten einer zuvor.

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