Nachruf:Sie tippte Schindlers Liste

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Nachruf: Mimi Reinhardt überlebte die Verfolgung durch die Nazis als Sekretärin des Fabrikanten Oskar Schindler.

Mimi Reinhardt überlebte die Verfolgung durch die Nazis als Sekretärin des Fabrikanten Oskar Schindler.

(Foto: Gideon Markowicz/AFP)

Als Jüdin wurde Mimi Reinhardt von den Nazis ins Konzentrationslager Płaszów verschleppt. Sie überlebte als Sekretärin von Oskar Schindler, zusammen mit den jüdischen Zwangsarbeitern in dessen Fabrik. Jetzt ist sie im Alter von 107 Jahren in Israel gestorben.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Sie hat sich den schönen Dingen im Leben zuwenden wollen, für Literatur und Sprachen hatte sie sich eingeschrieben an der Universität. Doch dann kamen die Nazis und der Krieg, und am Ende erwies sich eine ganz profane Fertigkeit für Mimi Reinhardt als Segen: Stenografieren hatte sie auch gelernt. Im Konzentrationslager Płaszów, wohin sie 1943 mit anderen Juden aus Krakau gebracht wurde, machte Oskar Schindler sie deshalb zu seiner Sekretärin. Sie tippte Schindlers Liste, die ihr und 1200 anderen Juden das Leben rettete. Nun ist Mimi Reinhardt gestorben, im Alter von 107 Jahren in der Nähe von Tel Aviv.

Es ist ein Jahrhundertleben gewesen, bei dem der schlimmste Tiefpunkt durchlitten werden musste. Als sie 1915 in Wien als Carmen Koppel geboren wurde, herrschte dort noch Kaiser Franz-Joseph. 1936 zog sie mit ihrem Ehemann ins polnische Krakau und wurde dort nach dem Einmarsch der Nazis zunächst ins Krakauer Ghetto gesperrt. Bei dessen Auflösung kam sie 1943 ins KZ Płaszów. Ihr Mann wurde von den Deutschen erschossen, als er fliehen wollte. Ihr Sohn konnte von den Großeltern mit falschen Papieren nach Ungarn geschmuggelt werden.

In Płaszów traf sie Oskar Schindler, das deutsche NSDAP-Mitglied, der eine Fabrik mit jüdischen Zwangsarbeitern aus dem KZ betrieb - und sich am Ende selbst in Gefahr brachte, weil er sich für das Überleben seiner Arbeitskräfte einsetzte. Er erstellte die Liste mit den 1200 Namen jener Juden, die am Ende gerettet wurden. Und Mimi Reinhardt tippe sie ab - mit zwei Fingern, wie sie später einmal berichtete. Ihr Name stand auch darauf. Berufsbezeichnung: Schreibkraft.

Die Geschichte dieser "Schindler-Juden", wie sie sich selber nannten, stand später im Mittelpunkt des vielfach preisgekrönten Films "Schindlers Liste", der 1993 in die Kinos kam. Die von Mimi Reinhardt getippte Liste wird heute in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufbewahrt, wo auch Schindler geehrt wird als "Gerechter unter den Völkern".

Mimi Reinhardt fand nach dem Krieg ihren Sohn wieder und siedelte mit ihm nach Marokko über. Dort heiratete sie ein zweites Mal, emigrierte 1957 in die USA und lebte fünf Jahrzehnte lang in New York. 2007, da war sie 92 Jahre alt und einsam geworden, wagte sie noch einmal einen letzten Umzug - nach Israel zu ihrem Sohn, der dort als Soziologieprofessor an der Universität in Tel Aviv lehrte.

Erst da enthüllte sie auch ihre Rolle im Zusammenhang mit Schindlers Liste. Zuvor hatte sie öffentlich nie davon erzählt und auch ihren engsten Angehörigen nur Andeutungen gemacht. "Ich wollte einfach nicht darüber reden. Ich wollte ein neues Leben beginnen ohne das alte", sagte sie 2007 der Süddeutschen Zeitung. Zur Einwanderung nach Israel aber war sie von Mitarbeitern der Jewish Agency eingehend nach ihrer Vergangenheit gefragt worden. Was sie dort berichtete, fand schnell die Aufmerksamkeit der Medien.

So rückte Mimi Reinhardt erst in ihren letzten Jahren ins Licht der Öffentlichkeit. Ihren Tod am vorigen Freitag und ihre Beerdigung in Herzlija Pituach gaben die Angehörigen erst hinterher in einer Traueranzeige bekannt.

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