Süddeutsche Zeitung

Oskar Negt über Karl-Heinz Kurras:"Eine gespenstische Wende"

Oskar Negt, Adorno-Schüler und Soziologie-Professor aus Hannover, erinnert sich an das Jahr 1967 und spricht darüber, dass der Mann, der Ohnesorg erschoss, bei der Stasi war.

sueddeutsche.de: Der Mann, der 1967 Benno Ohnesorg erschossen hat, war ein Spitzel, stand auf der Gehaltsliste des Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Muss die Tat neu bewertet werden?

Oskar Negt: Man muss das Geschehene nicht zwangsweise uminterpretieren. Wir als 68er-Bewegung sind immer davon ausgegangen, dass autoritäre Systeme auf kritische Öffentlichkeiten mit Gewalt reagieren. Unabhängig davon, ob es sich um westdeutsche oder ostdeutsche Zustände handelte.

sueddeutsche.de: Der Protest der Studenten richtete sich aber - neben dem Schah - gegen die Bundesrepublik. Die DDR wurde von ihnen eher idealisiert.

Negt: Ja. Und dass der Waffenfanatiker und Polizeibeamte Karl-Heinz Kurras, zur DDR gehörte, ein Stasispitzel war, gibt dem ganzen eine absurde, eine gespenstische Wende. Denn unser ganzer Protest richtete sich gegen ein System, in dem das Dritte Reich nachlebte.

sueddeutsche.de: Zwischen der radikalen Linken und der DDR gab es damals gute und enge Kontakte. Ist es nicht ironisch, dass ausgerechnet ein Stasi-Spitzel den westdeutschen Studenten erschoss?

Negt: Heute wird gerne vergessen, dass sich die Studentenbewegung immer auch gegen die Stasi und das Terrorsystem der DDR ausgesprochen hat. Es gab zum Beispiel stets den Vorwurf, dass die DDR vollständig von den Sowjets gesteuert werde. Dementsprechend hatten die Parteibürokraten in Ostberlin immer Angst vor Studentenbewegungen. Nach der Logik: Wer das System BRD kritisiert, könnte auch gegen das System DDR sein. Trotzdem hätte ich es nie für möglich gehalten, dass Kurras ein Stasi-Spitzel war.

sueddeutsche.de: Und trotzdem gibt es handfeste Beweise. Was lernt man daraus?

Negt: Das zeigt die völlig Vertrocknetheit von Systemen: Letzten Endes - muss man im Nachhinein sagen - waren Springer-Presse und Stasi in gewisser Weise auf einer Linie. Beide verhinderten kritischen Austausch. Jeder von ihnen auf ihre Art und Weise. Dass Kurras Spitzel war, zeigt, dass autoritäre Systeme ortsunabhängig tätig sind.

sueddeutsche.de: Der Tod von Benno Ohnesorg hat die Proteste radikalisiert. Wie haben Sie persönlich die Reaktionen erlebt?

Negt: Nach dem Tod von Benno Ohnesorg hielt ich eine Rede vor über 1000 Menschen auf dem Frankfurter Römer, da waren alle bewegt. Es entstand eine Front von Linksradikalen bis zu Konservativen, die diesen Mord alle als Unrecht empfunden haben. Dass Kurras freigesprochen wurde, ist bis heute ein großer Skandal.

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