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Oskar Lafontaine über Willy Brandt:"Ich hätte ihn mehr um Rat fragen sollen"

Ziehvater und Ziehsohn, am Schluss entfremdet: Willy Brandt (oben links) und Oskar Lafontaine im Jahr 1988

(Foto: Imago Stock&People)

Einst galt Oskar Lafontaine als "Lieblingsenkel" von Willy Brandt, inzwischen sieht er sich als politischen Erben der SPD-Ikone. Zum 100. Geburtstag des legendären Bundeskanzlers erklärt Lafontaine im SZ-Gespräch, was ihn an Brandt faszinierte. Und wie sich die ehemaligen Genossen entfremdet haben.

Von Daniel Brössler, Berlin

Oskar Lafontaine, Jahrgang 1943, hat fast jede wichtige Funktion in der deutschen Sozialdemokratie ausgefüllt. Er amtierte als Oberbürgermeister von Saarbrücken und als Ministerpräsident des Saarlandes sowie als Bundesfinanzminister. In der SPD war er 1990 Kanzlerkandidat und später Bundesvorsitzender. Nach seinem überraschenden Rücktritt als Bundesminister und SPD-Chef 1999 machte er eine zweite Karriere als Mitbegründer der Linkspartei. Lafontaine wurde wieder Parteichef und führte die Linke-Fraktion im Bundestag. Heute amtiert er als Fraktionsvorsitzender der Sozialisten im saarländischen Landtag. Nach wie vor beruft er sich immer wieder auf Willy Brandt - obwohl sich beide Männer entfremdet hatten. Zum 100. Geburtstag des früheren Bundeskanzlers spricht Lafontaine im SZ-Interview über sein kompliziertes Verhältnis zu Brandt.

SZ: Herr Lafontaine, wann sind Sie Willy Brandt zum ersten Mal begegnet?

Oskar Lafontaine: Das war eine Veranstaltung in Saarbrücken in den 60er Jahren. Ich saß im Publikum. Willy Brandt lehnte eine große Koalition ab. Kurz danach kam sie dann doch. Aber das ist nur eine flüchtige Erinnerung. Später hat er mich fasziniert mit seiner Politik der inneren Reformen, mit dem Kniefall in Warschau und mit seiner Nobelpreisrede, in der er die Maxime seiner Außenpolitik formulierte: Krieg ist kein Mittel der Politik. So gewann er meine Zuneigung und Bewunderung.

Wissen Sie, wann Brandt auf Sie aufmerksam geworden ist?

Ich nehme an, Ende der 70er Jahre bei der Diskussion um die Nachrüstung. Ich war einer der Wortführer der Friedensbewegung und habe die Nachrüstung abgelehnt mit dem Argument: Wenn man sich sieben Mal gegenseitig vernichten kann, muss man sich nicht noch die Fähigkeit aneignen, sich zum achten Mal gegenseitig zu vernichten. Damals kamen wir ins Gespräch und seitdem ist das Verhältnis immer enger geworden. Eine Zeitlang hat Willy Brandt mich ja als seinen Lieblingsenkel bezeichnet.

Haben Sie das vom ihm selbst gehört?

Gehört habe ich das nur von Dritten. Aber wir hatten privaten Kontakt. Ich habe mit ihm zusammen Ferien verbracht. Das zeigte, dass er das Gespräch mit mir suchte. Willy Brandt war ja nicht unbedingt ein Mensch, der viele enge Freundschaften pflegte.

Gab es in diesen Gesprächen manchmal auch Streit?

Nein, wir hatten lange Zeit ein konfliktfreies Verhältnis. Das erste Mal war er verstimmt, als er mich schon 1987 zum Parteivorsitzenden vorgeschlagen hat. Ich sagte ihm damals, dass ich noch zu jung sei für diese Aufgabe.

Sie haben einmal von einem "Abnabelungsprozess" von Brandt gesprochen. Wann hat der begonnen?

Da ging es um die deutsche Einheit. Ich vertrat die Auffassung, man müsste sie international stärker einbetten. Das war nicht nur ein Widerspruch zu Willy Brandt, sondern noch viel stärker zu Helmut Kohl. Hinzu kam, dass ich Kanzlerkandidat der SPD war und in dieser Rolle ein eigenständiges Urteil hatte. Das äußerte sich in meiner Haltung zur deutsch-deutschen Währungsunion. Diese Währungsunion wurde in ihren Folgen weder von Kohl noch von Willy Brandt richtig eingeschätzt.

Wie haben Sie diesen Konflikt ausgetragen?

Willy Brandt war kein Mensch, der heftige Auseinandersetzungen führte. Er hat seine Auffassung vertreten und ich meine. Brandt wollte, dass die Menschen im Osten Reisen machen oder sich Dinge kaufen konnten, die ihnen in der DDR verwehrt waren. Mir ging es darum zu verhindern, dass die Währungsunion zu einem totalen Zusammenbruch der noch vorhandenen DDR-Wirtschaft und zu einem massiven Verlust an Arbeitsplätzen führte. Aber der Einheitstaumel bewirkte, dass man sofort die D-Mark zum Kurs von 1:1 einführte, mit allen absehbaren Folgen.

War Brandt Ihnen damals zu national gesinnt?

Er hat mir diese Frage auf einem Parteitag selbst gestellt: Meine Rede, war die wohl zu national? Meine Antwort war: Ja.

Umgekehrt soll er nach einer Rede von Ihnen einmal gesagt haben, Saarländer seien eben keine richtigen Deutschen.

Das hat er mir nie gesagt. Wenn er das gesagt hat, war es sicherlich ironisch gemeint.

War das damals ein richtiger Bruch?

Der Bruch bestand eher darin, dass ich ihn als Kanzlerkandidat zu wenig konsultiert habe. Im Nachhinein würde ich sagen, ich hätte ihn mehr um Rat fragen sollen, aber ich war nach dem Attentat auf mich außer Form und auch menschlich schwer angeschlagen.

Gab es eine Aussöhnung?

Als er sehr krank war, habe ich ihm wieder geschrieben und hatte auch den Eindruck, dass er sich darüber sehr gefreut hat. Das ist mir auch von Dritten bestätigt worden.

Was hätte Willy Brandt dazu gesagt, dass Sie den SPD-Vorsitz niederlegen, später aus der Partei austreten und schließlich eine neue Partei mitbegründen?

Das ist schwer zu sagen. Ich muss aber daran erinnern, dass auch er zwei Mal zurückgetreten ist, zunächst als Kanzler und dann als Parteivorsitzender. Brandt hat übrigens in einer anderen Partei begonnen, in der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), einer Abspaltung von der SPD. Damals ging es auch um die soziale Frage. Ich will Brandt nicht im Nachhinein für irgendein Urteil in Anspruch nehmen. Ich kann nur mit gutem Gewissen sagen, dass ich heute in der Außenpolitik und in der Frage der inneren Reformen nach wie vor Positionen vertrete, von denen ich sagen kann, dass sie auch die Positionen Brandts waren.

Was nicht bedeuten muss, dass Brandt diese Positionen heute noch vertreten würde.

Brandt war ein Mensch, der seine Grundsätze hatte, von denen aus er seine Politik entwickelt hat. Er wäre nicht bereit gewesen, seine Friedenspolitik oder sein Eintreten für innere Reformen im Sinne von Verbesserungen für die Menschen aufzugeben. Den Neoliberalismus hätte er mit Sicherheit nicht nachgebetet.

Sie bleiben dabei, dass Ihre Linkspartei Brandt eher für sich beanspruchen kann als die SPD?

Die Linke kann als einzige deutsche Partei zwei seiner bekanntesten Sätze unterschreiben: "Wir wollen mehr Demokratie wagen" und "Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen".

© Süddeutsche.de/odg/rus

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