bedeckt München 15°
vgwortpixel

Oscar-Gewinner:Vom Staatsfeind zum Star

Nach der Preisverleihung ist in Südkorea alles ein wenig anders.

Der konservative Parlamentarier Khang Hyo-shang weiß, was Südkoreaner hören wollen. Die Euphorie über die Oscar-Gewinne der schwarzen Gesellschaftssatire "Parasite" konnte er nicht ungenutzt verfliegen lassen. Als Abgeordneter der Freiheitspartei Koreas (FPK) vertritt Khang in der Nationalversammlung einen Wahlkreis in Daegu, der Geburtsstadt von "Parasite"-Regisseur Bong Joon-ho. Also dachte Khang diese Woche laut über ein "Bong-Joon-ho-Filmmuseum" in Daegus Duryu-Park nach. Bong sei schließlich "der Stolz von Daegu". Außerdem lobte Khang die Produktionsfirma CJ Entertainment für ihren Beitrag zu dieser "glänzenden Errungenschaft".

Eine Welle der Freude hat die Menschen Südkoreas erfasst seit der Oscar-Verleihung am Sonntag. Vier Trophäen hat "Parasite" gewonnen, darunter die für den besten Film. Das hat noch kein Kinowerk nicht englischer Sprache geschafft. Die ganze Welt staunt. Der relativ kleine Tigerstaat ist plötzlich bekannt. Da liegt es nahe, dass die Nation sich feiert.

Am Donnerstag hat die Stadtregierung von Seoul erklärt, sie erwäge, eine Touristentour zu den Schauplätzen des Films einzurichten. Zuletzt waren dort kleine Armeen von Selfie-Schützen unterwegs, um sich an historischer Stätte abzulichten, berichtet die Korea Times. Ein Nudelgericht aus dem Film erfreut sich ungeahnter Beliebtheit. Alle aus der Filmcrew sind plötzlich für die Medien interessant, selbst Leute, die nur indirekt mit der Komödie zu tun haben, wie zum Beispiel Regisseur Bongs Dolmetscherin.

Viele Südkoreanerinnen und Südkoreaner nutzen den Umstand, dass die Kinos "Parasite" wieder ins Programm genommen haben. Die Kinos freuen sich über die Oscar-Effekte nach Verlusten wegen der Coronavirus-Angst.

Trotzdem amüsiert es viele, dass auch konservative Oppositionelle wie Khang die Bong'sche Filmkunst preisen. Denn als die Konservativen noch regierten, war Bong für sie eine Art Staatsfeind. Viel zu links, viel zu kritisch. Die Regierung von Präsident Lee Myung-bak führte ihn auf einer Liste mit 81 Namen von Leuten aus dem Kulturbetrieb "mit liberalen politischen Ansichten". Lees Nachfolgerin Park Geun-hye, die mittlerweile wegen Amtsmissbrauchs im Gefängnis sitzt, erweiterte die Liste auf 9000 Namen; darunter auch der "Parasite"-Hauptdarsteller Song Kang-ho sowie die CJ-Vizechefin Lee Mi-kyung. Die Abneigung von rechts war bis zuletzt zu spüren. Erste Preise für "Parasite" taten FPK-Politiker als linken Szeneerfolg ab. Hong Joon-pyo, Ex-Parteichef und gescheiterter Präsidentschaftskandidat von 2017, sagte, er schaue sich "Parasite" nicht an.

Aber bei vier Oscars und Massenbegeisterung müssen eben auch Altvordere mitlachen. Am 15. April sind Parlamentswahlen. "Ein monumentales Werk für Koreas Kultur und Kino", lobt also FPK-Sprecher Park Yong-chan. "Weiterhin" werde die Partei ihr Bestes geben für die Kunst. Ein Kandidat aus Daegu verspricht eine Bong-Gedenkhalle mit Park. Ein anderer Kandidat will eine Straße nach Bong benennen, ihm ein Denkmal setzen und sein Geburtshaus renovieren. Der Parlamentarier Khang Hyo-shang muss aufpassen, dass er den Anschluss hält beim Reiten der "Parasite"-Welle.

© SZ vom 14.02.2020
Zur SZ-Startseite