Osama bin Laden:Terror-Phantasien auf USB-Sticks

Bis zu seinem Tod brütete Osama bin Laden über die richtige Al-Qaida-Strategie: Für den Jahrestag von 9/11 wünschte er sich ein Blutbad. Diese Anweisungen entdeckten US-Ermittler auf den USB-Sticks und in Notizen, die in Abbottabad gefunden wurden. Im Hauptquartier der CIA durfte ein US-Abgeordneter Fotos von der Leiche des Terrorchefs sehen und sagt: "Er ist Geschichte."

Markus C. Schulte von Drach

Wie gefährlich Osama bin Laden als Organisator des Terrors zuletzt noch war, welchen Einfluss er auf die Pläne von Al-Qaida-Attentätern noch hatte, darüber herrschte in den vergangen Jahren Unklarheit. Zumindest im Westen entstand der Eindruck, der Gründer der Terrororganisation sei zwar noch ein Idol radikaler Islamisten - doch dieses Idol befand sich auf der Flucht und hatte wenig Möglichkeiten, Anschläge konkret zu planen und zu initiieren.

Nach der Tötung Bin Ladens

Der US-Fernsehsender ABC hat erste Videoaufnahmen aus dem Innern des Anwesens im pakistanischen Abbottabad des getöteten Al-Qaida-Führers Osama bin Laden ausgestrahlt. Der US-Regierung ist Medienberichten zufolge ein aufschlussreiches Notizbuch von Terroristenführer Osama bin Laden in die Hände gefallen. Auch auf USB-Sticks finden die Ermittler wertvolle Informationen.

(Foto: dpa)

Noch im Januar 2010 hatte US-Präsident Barack Obama eine Tonbandaufnahme mit einer Botschaft des Terroristen dahingehend interpretiert. Bin Laden hatte den gescheiterten Anschlagsversuch eines Nigerianers auf ein US-Flugzeug Weihnachten 2009 als Al-Qaida-Aktion gepriesen. Diese Botschaft sei "ein Hinweis darauf, wie schwach er ist, da das nicht unbedingt von ihm organisiert wurde", erklärte der US-Präsident. Washington hatte den vermeintlichen Rückzug des Terror-Paten als Erfolg ihrer intensiven Jagd auf ihn gewertet.

Aus den Notizbüchern und Texten auf Bin Ladens Computern und USB-Speichern, die die Navy Seals bei ihrem Einsatz in Abbottabad beschlagnahmten, geht jedoch hervor, dass er sich selbst noch immer für mehr als nur eine Symbolfigur des Terrors hielt. Verschiedene US-Medien berichten, Bin Laden habe sich in zahlreichen handschriftlichen und digitalen Aufzeichnungen über die Doktrin al-Qaidas geäußert.

Auch enthält das Material die bereits zuvor bekanntgewordenen Hinweise auf Anschläge, die Bin Laden unter anderem für den zehnten Jahrestag von 9/11 empfohlen hatte. Das Pentagon hatte auf einer Pressekonferenz berichtet, das in Pakistan sichergestellte Material beweise: "Bin Laden war mehr als nur eine Leitfigur. Er war ein aktiver Führer, der seiner Gruppe strategische und taktische Anweisungen gegeben hat."

Die Nachrichtenagentur AP sowie die Washington Post haben nun von anonymen Quellen weitere Details über die Aufzeichnungen erfahren, die in einer geheimen CIA-Anlage im Norden des US-Bundesstaates Virginia übersetzt und analysiert werden.

Anweisung: Möglichst viele Amerikaner töten

Demnach schickte Bin Laden bis zuletzt seinen Gefolgsleuten Empfehlungen - sie sollten sich nicht nur auf Anschläge in New York City beschränken. Auch die Metropole Los Angeles und kleinere Städte sollten in Erwägung gezogen werden. Nicht nur auf Flugzeuge sollte man zielen, sondern auch auf Züge, und zwar am besten an besonderen Tagen wie dem 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, oder dem bevorstehenden zehnten Jahrestag des 11. Septembers 2001. Und vor allem, so der Wunsch Bin Ladens, sollten sie so viele Amerikaner wie möglich mit einem einzigen Anschlag töten.

Die Angriffe der vergangenen Jahre seien nicht ausreichend gewesen, stellte der Terrorführer fest. Tausende Opfer seien notwendig, etwas in der Größenordnung von 9/11, um die Politik der Amerikaner zu einem Rückzug aus der arabischen Welt zu bewegen. Auch sollte man versuchen, nicht nur Muslime, sondern auch Mitglieder anderer Gruppen zu rekrutieren, insbesondere Afroamerikaner und Latinos, die in den USA unterdrückt würden.

Seine Bemühungen richteten sich offenbar gegen die Strategie einiger Al-Qaida-Zellen, Anschläge auf Ziele etwa in Afghanistan oder Pakistan zu verüben. "Bin Laden sagt: 'Ihr müsst euch auf die USA und den Westen konzentrieren'", zitiert die Washington Post einen der Geheimdienstbeamten, die das Material aus Abbottabad untersuchen.

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