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Orte der Proteste:Die Platzhalter

Tahrir, Taksim, Maidan: Orte, von denen man im Westen nie gehört hat, werden plötzlich zu Synonymen des Widerstands. Dabei sind die Plätze der Revolutionen nicht zufällig gewählt. Und oft steckt dahinter eine paradoxe Ironie.

Von Alex Rühle

Es wäre Unsinn, die ägyptische Revolte im Winter 2011, die türkischen Proteste gegen Premier Tayyip Recep Erdoğan im vergangenen Jahr und das, was gerade in der Ukraine passiert, inhaltlich vergleichen zu wollen. Aber es ist auffällig, wie unglaublich schnell jeweils der Name des zentralen Platzes, an dem die Demonstranten ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben, zum Synonym der Geschehnisse wurde.

So wie wir jetzt alle vom Maidan reden, ohne dass wir bis vor Kurzem gewusst hätten, wer oder was das sein soll, so fragten wir einander im Februar 2011, was es Neues vom Tahrir gebe. Taksim, der zentrale Platz in Istanbul, wurde in Windeseile erst in der Türkei und dann weltweit zum Synonym für die Proteste gegen Erdoğan. "Überall ist Taksim, überall ist Widerstand", riefen die Demonstranten in Izmir, Istanbul und Ankara - wenige Tage später war Taksim zum weltweiten Hashtag der Twittergemeinde auf der Suche nach Neuigkeiten aus der Türkei geworden.

Nun war es kein Zufall, dass die türkischen Proteste dort ihren Anfang nahmen, schließlich entzündeten sich die Proteste damals an einem geplanten Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks, der an den Taksim-Platz anschließt. Überhaupt haben die Revolutionsplätze natürlich immer auch eine Geschichte, die uns, die wir dann mit diesen semantischen Platzhaltern jonglieren, meist überhaupt nicht bekannt ist, an die die Demonstranten aber mit der Wahl des Ortes jeweils bewusst anknüpfen.

Historisch aufgeladene Orte

Jeder Ägypter weiß, dass am Tahrir-Platz 1952 der politische Protest gegen Faruk I. begann, dass dort also das Ende der ägyptischen Monarchie ihren Anfang nahm. Der Taksim war immer das städtebauliche Symbol für die laizistische Republik, sodass es beim Kampf um den Platz immer auch darum ging, das republikanische Erbe der Türkei gegen Erdoğans schleichende Islamisierung zu verteidigen. Und indem die ukrainischen Demonstranten ihre Zelte im Herbst 2013 auf dem Maidan aufschlugen, wollten sie (auch) an die orangene Revolution von 2004 erinnern. Schließlich war damals ebenfalls der Maidan Nesaleschnosti, wie der Platz vollständig heißt, das Kraftzentrum der Proteste gewesen.

Das Wort "Maidan" hat im Verlauf der vergangenen Wochen mehrfach seine Bedeutung erweitert. Zum einen tauchte Ende November auf Twitter der Hashtag "Euromaidan" auf, der sofort weltweit übernommen wurde, weil er in einem Wort zusammenfasst, dass die Proteste ausgelöst wurden durch die überraschende Ankündigung der ukrainischen Regierung, das geplante Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen zu wollen. Leute, die einen Autokorso bilden, um laut hupend zu protestieren oder mit ihren Wagen andere Demonstranten zu schützen, heißen Auto-Maidan. Alle Plätze in der Ukraine, an denen demonstriert wird, heißen mittlerweile ebenfalls Maidan, so als seien sie Satelliten des zentralen Protests.

Es steckt übrigens eine paradoxale Ironie darin, dass sich ausgerechnet auf solchen zentralen Plätzen der Protest gegen die Regierung konzentriert: Schließlich wurden sie von den Herrschenden oft angelegt als architektonische Inszenierung ihrer eigenen Macht. Womit wir beim traurigsten Beispiel für einen namentlichen Platzhalter wären: Vom Tiananmen-Platz aus hatte Mao Zedong 1949 die Volksrepublik China ausgerufen. Als eine seiner ersten Amtshandlungen ließ er die umliegenden Viertel abreißen und den Platz auf 40 Hektar erweitern, damit er dort eine gigantische Bühne für seine Machtrepräsentation hatte. 1989 wurde der Tiananmen zum Symbol für die grausame Härte, mit der die Volksrepublik ihr Volk unterdrückt.

Es ist noch nicht entschieden, wofür "Maidan" einstmals stehen wird. Ob er eine Art osteuropäischer Tahrir wird, an dem vielleicht nicht die bessere Welt erstritten, aber doch zumindest ein verhasster Diktator gestürzt wird. Oder ob der Name dieses Platzes in der Mitte von Kiew doch noch zum dunklen Symbol des höllischen Friedens avanciert.

© SZ vom 22.02.2014/kfu
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