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Prantls Blick: Organspende:Wann ist ein Mensch tot?

Der Deutsche Ethikrat ist mehrmals dem gängigen Irrtum entgegengetreten, die Frage, wann der Mensch tot ist, sei allein naturwissenschaftlich zu beantworten. Viele Naturwissenschaftler beenden mit dem Hinweis auf den Hirntod die Diskussion über das Menschsein. Nein, so ist es nicht, so darf es nicht sein.

Befürworter der Widerspruchslösung erklären den hirntoten Menschen zum Leichnam und argumentieren, ein Toter dürfe auch ohne aktive Zustimmung obduziert werden. Wenn man das zur Verbrechensaufklärung dürfe, dann erst recht zur Lebensrettung. Vordergründig klingt das plausibel. Jedoch ist der Organspender anders als der Tote auf dem Obduktionstisch ein Mensch, dessen Blut fließt, dessen Organe arbeiten und der Reflexe zeigt. Ob solch ein Mensch tot ist und ob er noch Person ist, darüber entscheiden nicht allein medizinische Geräte. Sterben und Tod eines Menschen sind kein punktuelles Ereignis, sie sind ein Prozess, der tief eingebettet ist in die kollektive Seele und in kulturelle Vorstellungen vom Menschsein. Hier gibt es keine falschen Emotionalitäten; sondern jede Emotionalität gehört dazu.

Der Mensch ist nicht nur Individuum, er ist auch Beziehungswesen und lebt sein Leben eingebunden in das Leben seiner nächsten Angehörigen. Er stirbt seinen Tod nicht ganz für sich allein; sein Tod kommt nicht nach seinem Leben, er ist Teil seines Lebens. Für die betroffene Familie ist dies ein emotionaler Ausnahmezustand, wie auch immer die Gesetzeslage beschaffen ist.

Wem der Mensch gehört

Noch einmal sei der Gesetzentwurf der sogenannten Widerspruchslösung zitiert: "Insgesamt tragen die Regelungen (...) zur Entlastung der nächsten Angehörigen, denen nicht wie bisher zugemutet wird, in einer so belastenden Situation eine derart schwere Entscheidung zu treffen, (...) bei." Das halte ich für falsch. Es muss keine Entlastung der betroffenen Ehepartner, Kinder oder Eltern eines hirntoten Menschen sein, wenn ihnen das Recht zum Widerspruch genommen wird - per Gesetz genommen wird mit der Fiktion, ihr Angehöriger habe zugestimmt, weil er nie widersprochen hat. Das Gefühl, entrechtet zu sein oder der innere Konflikt, zur Lüge gezwungen zu sein, wenn man es nicht aushält, dass dem geliebten Menschen die Organe entnommen werden - es kann eine unerträgliche Belastung sein.

Ja es stimmt: Die Widerspruchslösung wird in anderen Ländern schon praktiziert. Aber das macht sie nicht besser. Die Zahl der Verstöße nobilitiert nicht den Verstoß. Mein Widerspruch gilt daher der Widerspruchslösung.

Der Bundestag stimmt am Donnerstag ab - er stimmt ab über die letzten Dinge. Es handelt sich um eine große Gewissensentscheidung. Die Frage lautet: Wem gehört der Mensch? Er gehört nicht dem Staat, er gehört nicht der Gesellschaft. Er gehört sich selbst.

© SZ.de/dit
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