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Debatte um Organspende:"Der mutmaßliche Wille zählt"

Transplantationszentrum Uniklinikum Leipzig

Transplantation im Leipziger Uniklinikum.

(Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa)

In Österreich werden verhältnismäßig mehr Organe transplantiert. Transplantationsreferent Stephan Eschertzhuber erklärt, warum das so ist - und wovor die meisten Menschen immer noch Angst haben.

Der Bundestag will am diesem Donnerstag über eine Neuregelung der Organspende entscheiden. Beobachter erwarten eine engagierte knapp dreistündige Debatte, da die Reform ethisch brisant und die Entscheidung bis zuletzt völlig offen ist. Der Fraktionszwang ist aufgehoben. Den Abgeordneten liegen zwei konkurrierende Gesetzentwürfe vor, zu denen sich die jeweiligen Befürworter am Mittwoch nochmals klar positionierten. Beide Initiativen verfolgen dasselbe Ziel: Die in Deutschland niedrige Zahl an Organspendern zu erhöhen. Hier können Sie die Debatte im Livestream verfolgen.

SZ: Herr Eschertzhuber, in Österreich gilt die Widerspruchsregelung, aber nur 0,5 Prozent der Bevölkerung haben sich in das Widerspruchsregister eingetragen. Der Rest ist also bereit zur Spende?

Nein, garantiert nicht. Die wenigsten tragen sich ein. Viele kennen die Regel vermutlich auch nicht.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Sind das für Sie alles Spender?

Nein, bei uns gilt die erweiterte Widerspruchsregelung, die jetzt auch in Deutschland diskutiert wird. Auch der mutmaßliche Wille des Patienten zählt. Wir suchen also nicht nur nach einem schriftlichen Hinweis - sei es ein Eintrag im Register, ein Zettel im Portemonnaie oder ein Hinweis in den Notfalldaten des Handys, sondern fragen auch die Angehörigen, was der Spender wohl gewollt hätte. So kommen wir auf bis zu 20 Prozent Widersprüche. Wenn die Witwe dann sagt, ich weiß es nicht, sind wir eigentlich zur Organentnahme berechtigt. Aber selbst das machen wir nicht, wenn die Angehörigen strikt dagegen sind. Das ist nicht ganz trivial, denn damit stellen wir die Gefühle der Angehörigen über das Leben von Menschen, die mit diesen Organen gerettet werden könnten. Aber vielleicht trägt genau das zur Akzeptanz der Regel bei.

Stephan Eschertzhuber, 48, Transplantationsreferent für Westösterreich und Südtirol, kennt jede Meldung von potenziellen Organspendern in diesem Gebiet, 2019 waren das 85. In viele Fällen war er persönlich involviert.

(Foto: Lamprechter/Tirol-Kliniken)

Was ist mit deutschen Skifahrern, die in österreichischen Bergen verunglücken?

Rechtlich gesehen sind sie hierzulande automatisch Spender, wenn sie nichts anderes verfügt haben. Aber es wird nicht passieren, dass einer sagt: "Wahnsinn, die haben meinem Angehörigen die Organe rausgenommen, obwohl ich das nicht wollte."

Sie sind selbst gebürtiger Bayer. Schmerzt es Sie, dass die Deutschen so wenig zum Organspendeverbund Eurotransplant beitragen?

Auf Fortbildungen in Österreich werde ich manchmal gefragt: Gehen alle unsere Organe nach Deutschland? Aber so ist es ja nicht. Eurotransplant berücksichtigt, wie viele Spenderorgane ein Land aufbringt. Nur so viele stehen ihm zu. Die geringe Spendenbereitschaft trifft also die Deutschen. Sie warten länger auf ein Organ und sind bei der OP schon viel kränker. Das ist schlimm. Wer in Österreich ein Kunstherz bekommt, behält es etwa ein Jahr, bis er auf die Warteliste gesetzt wird. In Deutschland behält er es oftmals, bis er stirbt oder bis es Komplikationen gibt.

Ein paar Kilometer Unterschied macht eine ganz andere Versorgung aus?

Ja, das bringt uns in wahnsinnige Nöte, die Leute stehen da und betteln. Wir dürfen deutsche Patienten aber nicht aufnehmen. Unsere Patienten müssen ihren Lebensmittelpunkt in Österreich haben. Und dafür reicht es nicht, hier eine Wohnung zu kaufen und sich umzumelden. Das haben früher reiche Patienten so gehandhabt. Das habe ich in keinem anderen Bereich der Medizin so kennengelernt: Wir haben eine lebensrettende Therapie, aber wir müssen sie den deutschen Patienten vorenthalten.

Was hindert die Menschen am Spenden?

Ich glaube, dass die allermeisten Menschen prinzipiell gerne anderen helfen. Sie misstrauen aber vielleicht der Medizin. In Österreich ist das Thema insgesamt positiv besetzt, weil die Leute stolz auf ihre Mediziner sind, die schon früh vorne dabei waren. Dann gab es 2000 den Fall des Polizisten Theo Kelz, dem eine Bombe in den Händen explodiert ist. Ihm wurden zwei neue Hände transplantiert, und danach ist er mit dem Motorrad um die Welt gefahren. Das hat die Menschen sehr bewegt und vielleicht positiv beeinflusst.

Wovor haben die Menschen noch Angst?

Manche möchten vielleicht auch nicht, dass ihr Körper aufgeschnitten wird vor allem wegen der Angehörigen. Dabei wird bei einem plötzlichen Tod in der Regel eh von der Pathologie obduziert. Transplantationsmediziner führen die Organentnahmen mit größerer Pietät durch. Sie achten darauf, das Wunden schön vernäht und verbunden sind.

Was möchten Sie den Abgeordneten im Bundestag mitgeben?

Ich halte die Widerspruchslösung vor allem für eine große politische Geste. Die Entscheidung wird aber zumindest bei uns trotzdem am Krankenbett getroffen. Und da brauchen Ärzte vor allem Zeit. Wenn ein Arzt eine übliche Behandlung unterlässt, kann er verklagt werden. Wenn er das Thema Organspende ausspart, passiert nichts. Organspende ist in den Krankenhäusern immer noch eine Fleißarbeit. Das muss sich ändern.

© SZ vom 15.01.2020
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